Gegen Frauen spielen

von Der Zeigefinger

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In nur wenigen Sportarten treten Frauen und Männer regelmäßig gegeneinander an. Kein Wunder also, dass die ohnehin oftmals bereits verhaltensauffälligen Tischtennis-Spieler vor nichts mehr Bammel haben als an der Platte einer konkurrenzfähigen Dame zu begegnen.

Es war der blanke Horror: Als jugendlicher Tischtennis-Spieler mitten in der größten Pubertät musste man in den ersten Erwachsenen-Trainings immer wieder gegen die beiden Damen antreten. Diese spielten in der fünften Mannschaft und waren spielerisch somit ungefähr auf dem gleichen Level, taktisch jedoch eine Nummer zu groß: Mit diesem sinnlosen offensiven Gekontere konnte man als Testosteron-Bolzen, der gerade seine ersten Topspin-Bälle zu ziehen gelernt hatte, wenig anfangen. So wurde man also immer und immer wieder an der Platte von links nach rechts nach links geschickt – und dann konnte man mal wieder den Ball aufheben. Es setzte bitterste Entscheidungssatz-Pleiten in ach so wichtigen Vereinsmeisterschaften und erniedrigende Drei-Satz-Niederlagen bei Punktspielen zwischen vierter und fünfter Mannschaft.

♦ Die Leiden der jungen Tischtennis-Spieler ♦

Ja, es war eine harte Zeit. Bis man eines Tages rein zufällig die Ballonabwehr entdeckte. Aus einem unbekannten evolutionärem Grund fehlte unseren Damen einfach der nötige Killerinstinkt um hoch und höher und dann noch ganz hoch aufgelegte Bälle einfach abzuschießen. Gut, ein paar Nachteile bei der Körpergröße mögen auch eine Rolle gespielt haben. Uns war es einerlei, von nun an begannen wir bereits den Return auf ein Meter Höhe zurückzuspielen und auf den leichten Fehler der mehr und mehr verärgerten Damen zu warten. Mit dieser neuen ausgefuchsten Taktik konnte man wenigstens relativ regelmäßig, wenn auch nicht hoch, gewinnen. Besonders stolz auf sich war man nicht.

Aller Gleichberechtigung in unserer aufgeklärten Gesellschaft zum Trotz: Steht auf der anderen Seite ein Tischtennis-Spieler mit offenkundig anderen Geschlechtsmerkmalen, so kommen beim gemeinen Tischtennis-Mann wieder Urinstinkte durch, welche man nach handgestoppten zwei Millionen Jahren Evolution der Menschheit an Land eigentlich für ausgestorben hielt.

Eigentlich. Schon mal den von Erleichterung durchtränkten Brunftschrei eines Tischtennis-Mannes in seinen Vierzigern gehört, nachdem er ein bereits verloren geglaubtes Spiel gegen eine verschreckte 17-jährige gewonnen hat? Dabei hatte er sich die Suppe vermutlich selber ein gebrockt: Väterlich bei der Begrüßung, Einspielen nur mit schönen Konter-Bällen auf die Tischmitte, dann den ersten Satz mit angezogener Handbremse begonnen. Bei 8:7 durch ein, zwei dumme Fehler und ein paar Kantenbälle äußerst unglücklich verloren. Schmunzelnd die Seiten gewechselt und im zweiten Satz die gemeinen Angaben ausgepackt. Satzausgleich und in der Pause zufriedenes Grunzen während er sich die Eier etwas krault. Wie ging der Satz nochmal aus? Keine Ahnung, 11:4 oder so, schreib einfach irgendwas auf, ist ja eh egal.

♦ Außer dem Schweiß läuft einfach nichts ♦

Im dritten Satz erneut mit dem schnittlosen Spiel seiner Kontrahentin nicht zurecht gekommen, langsam angefangen sich zu ärgern. Die ersten Topspin-Bälle leichtfertig verschossen und dem jungen Mädchen dadurch auch noch Mut gemacht: 8:11. Im vierten Satz setzt nun die erhöhte Schweißproduktion ein und der vom besorgten Hausarzt eigentlich verordnete Ruhepuls ist in weiter Ferne. Das Kichern der Mitspieler von der Zuschauerbank hilft auch nicht weiter und nach einigen überflüssigen Schupf-Fehlern liegt die Niederlage endgültig in der Luft.

Die junge Frau wird nun beinahe durch ihr Spiel getragen, denn plötzlich ist die Kulisse da. Alle Raucher unter ihren Mannschaftskollegen befinden sich ausnahmsweise in der Halle und sind mit hilfreichen Ratschlägen („Genau so geht’s!“) oder psychologischer Kriegsführung („Schau doch wie nervös der ist!“) voll auf der Seite ihres Kükens.

Nun beginnt auch für unseren Helden, der nun wirklich nichts mehr zu verschenken hat,  endgültig die Zeit der Mätzchen und Psychotricks: Der Ball war garantiert noch drauf, der ist so ganz leicht noch von der Platte weggesprungen., das hat doch jeder gesehen! War noch nicht bereit zum Aufschlag, sorry. Brauch kurz mein Handtuch, die Brille, die Glatze, du verstehst!? Auszeit!!!

♦ Irgendwie in den fünften Satz retten ♦

Aus einem völlig unklaren Grund beginnt die ebenso junge wie weibliche Nachwuchshoffnung plötzlich Aufschlagfehler einzustreuen, denn nun wird ihr selber bewusst was sich hier eigentlich gerade – vielleicht – anbahnt. Dennoch kann sie erneut  zwei Punkte mit Konterschlägen machen – 10:10, Verlängerung. Doch nun kann unser Familienkutschen-Fahrer nochmals mit seinem Aufschlag punkten, anschließend trifft er einen Notschlag präzise auf die Netzkante, von wo der Ball an die Tischkante tropft und dann willkürlich zu Boden fällt. Entscheidungssatz.

Der fünfte Satz ist bekanntlich ein reines Nervenspiel. Und unser Tischtennis-Mann hat gewöhnlicherweise natürlich Nerven wie Drahtseile und eine 83,5% Quote in fünften Sätzen. Leider ist heute kein „gewöhnlicherweise“. Weiterhin kommt sein Topspin nicht, die Hand ist schwitzig wie nie und zittert wie sonst nur nach 13 Halben in der Stammkneipe wenn Frau und Kinder mal bei den Schwiegereltern sind. Immer mal wieder kann er dennoch seine Klasse aufblitzen lassen und mit einer krachenden Rückhand spektakulär punkten – anschließend fällt ihm sein nächster Return halbhoch ins Netz.

♦ Eine Spannung wie in einem Hollywood-Thriller ♦

Ein letztes Mal Seitenwechsel, ein paar unspektakuläre Punkte hüben wie drüben, 9:9. Und jetzt? Sensation hier, vorzeitiges Karriereende dort? Ewiger Ruhm und ewiger Hohn? Nein. An dieser Stelle, lieben Damen unter den Lesern, muss man es einfach so politisch unkorrekt sagen: Nun zeigt unser Held den Mut der Verzweiflung und seiner Gegnerin fehlt irgendwie der Punch: Ein spektakulärer Ballwechsel zum Höhepunkt des Spiels, der übergewichtige erschöpfte Endvierziger kämpft um jeden Ball, kann drei, nein vier, am Ende sogar fünf Angriffschläge gerade noch so abwehren, hechtet nach einem Netzroller auf den Hallenboden, wieder kann das junge blonde Ding den Sack an der nun leeren Platte nicht zumachen, unser Familienpapa steht bald schon wieder und verteidigt mit allem was er hat von der hinteren Hallenwand – Ballonabwehr.

Irgendwann beendet ein Flüchtigkeitsfehler der jungen Dame diesen Wahnsinn von einem Ballwechsel, die Halle tobt. Ihren nächsten Aufschlag spielt der Old Shatterhand unter den Kreisliga-Helden direkt auf eineinhalb Metern Höhe zurück, seine Gegnerin packt nun ein einziges Mal endlich all ihre Aggressivität zusammen und prügelt den Elfmeter zwei Meter neben die Platte. Schluss, aus, vorbei.

Und dann nur noch ein Urschrei.