Die Phasen eines Tischtennis-Turniers – Die Anfahrt

von Philipp Hell

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Früh oder sogar sehr früh am Sonntagmorgen muss sich der geneigte Kreisliga-Turnierspieler Helmut bereits auf die Reise machen, weil die Veranstalter den Beginn der untersten Klasse des anstehenden „Kaisercup“-Turniers mal wieder auf 9:00 Uhr gelegt haben.

Erstveröffentlichung am 01.02.2021 auf mytischtennis.de

Dies bedeutete Aufstehen zu einer Uhrzeit wie unter der Woche, was die irritierte Gattin am Vorabend nur mit ungläubigem Kopfschütteln zu quittieren wusste: Wirklich? So früh?? Am Sonntag??? Wegen Tischtennis????

Ja, was tut man nicht alles für künftigen Ruhm und Ehre. Zumindest ist es das, was Helmut der Gattin erzählt hat. Zwar geht es bei jedem Turnier natürlich um Ruhm und Ehre, um Pokale, Medaillen und den obligatorischen Fresskorb der örtlichen Metzgerei – doch wie realistisch (oder besser unrealistisch) das Erreichen eines dieser Ziele bei diesem Turnier für ihn persönlich wirklich ist, hat Helmut der Gattin wohlweislich besser verschwiegen.

So sitzt er also verschlafen und übermüdet in seinem kalten Auto und das Navi kennt mal wieder die angebliche Adresse der Turnhalle in Niederwaldkirchen nicht (unschöne Erinnerungen an eine ewige Odyssee bei der Anfahrt im letzten Jahr werden wachgerufen). Wenigstens ist Helmut anders als vergangenes Jahr allein unterwegs – man lernt ja dazu. Denn letztes Jahr hatte ihm Torsten auf der Fahrt zwei Stunden lang ein Ohr abgekaut, erst sportliche Ziele und Möglichkeiten beim Turnier erörternd, dann über das Turnierwesen im Allgemeinen philosophierend und schließlich sich lautstark darüber beschwerend, dass man jetzt die Turnhalle nicht finde dank Helmuts schlechter Planung und wie solle er sich da vernünftig warmspielen und überhaupt. Beide schieden dann auch sang- und klanglos in der Vorrunde aus und Torsten sprach auf dem Heimweg kein Wort mehr (immerhin ein Lichtblick für Helmut an diesem gebrauchten Tag).

Der einzige Begleiter auf heutigen dem Weg nach Niederwaldkirchen ist für Helmut nun also die treue Sporttasche, in der alles Nötige für den erhofften langen Turniertag bereit liegt: Mehrere Liter Wasser, ein Bund Bananen, Energie-Riegel, zwei Wechsel-T-Shirts, sogar eine Wechselhose (man weiß ja nie), Schläger und Ersatzschläger und Notfallschläger und Mir-ist-jetzt-eh-alles-egal-Schläger (mit Noppen!), das praktische Schweißband und natürlich die üblichen Basics wie Schuhe, Sportsocken, Handtuch …. – Moment, wo ist das Handtuch? Der Tag geht ja schon gut los.

Die Fahrt dauert an und Helmut lässt seine Gedanken schweifen. So ein schöner Turniererfolg wäre schon mal wieder etwas Feines. Zuletzt hatte er in den späten Neunzigern Zählbares mit nach Hause bringen können, lange her. Gestern hatte er online noch ausführlich die Anmeldungsliste studiert, da sind schon einige starke Konkurrenten angemeldet: der flinke Hans-Dieter, der lange Ulli, der ewig hoffnungsvolle Knocki und sogar der legendäre Hotte von den „Regenwürmern“. Zudem ein ihm unbekannter Chinese mit bärenstarkem TTR-Wert und natürlich der unvermeidbare aufstrebende 13-Jährige, der zwar eigentlich schon Landesliga spielt aber sich aus technischen Gründen immer noch für die niedrigste Turnier-Klasse anmelden darf. Ja, der Turniersieg wird schwer für Helmut, aber siegen ist ja auch nicht alles.

Zunächst gälte es ja, die Vorrunde zu überstehen. Wenn man die Anmeldungen von gestern Abend nimmt und noch ein paar erwartbare Nachmelder dazurechnet kommt man auf eine stattliche Teilnehmerzahl. Helmut vermutet aus Erfahrung, dass daher eher 5er- als 6er-Gruppen gebildet werden, wahrscheinlich kommen dann auch ein paar glückliche Gruppendritte weiter. Er ist also optimistisch, die Vorrunde überstehen zu können, so schlecht ist sein aktueller Punktewert (und seine Form) nun auch wieder nicht. Und anschließend ist sowieso immer alles möglich, mal sehen was Auslosung und Fitness dann noch zulassen, wie viele Körner er in der Doppel-Konkurrenz lassen musste und was es zum Mittagessen gibt. In der KO-Runde ist auch insbesondere die Psyche eine entscheidende Komponente. Ja, so ein Turnier hält viele Unwägbarkeiten parat.

Aber mal angenommen, ihm gelingt als Gruppendritter tatsächlich die Qualifikation für die KO-Phase, dann dürfte er zunächst in der ersten Runde auf eine weiteren Gruppendritten treffen, eventuell Peter oder der dicke Manni, das müsste machbar sein. Erst anschließend, dann schon im Achtelfinale, würden dann die dickeren Brocken warten, auch die Gruppensieger. Aber Helmut bleibt optimistisch: Gerade gegen Hans-Dieter hat er zuletzt in der Liga oft gut ausgesehen und auch gegen Hotte war er noch nie chancenlos.

Ja und dann hieße es ja schon Viertelfinale, philosophiert Helmut weiter, die letzte Runde vor dem ersehnten Halbfinale ab dem es dann auch zu Hause vorzeigbare Urkunden und Sachpreise gäbe. Alles ist folglich möglich, wichtig ist nur ein guter Turnierauftakt und davor ein guter Gegner beim Warmspielen wäre auch von Vorteil, denn … Sekunde, war das nicht gerade die Autobahnausfahrt nach Niederwaldkirchen? Das Navi sucht ein Netz, Helmut ist nun ganz auf sich und seine Intuition allein gestellt, hatte er nicht letztes Jahr genau den gleichen Fehler an der genau gleichen Stelle gemacht?

Wie dem auch sei, keine 50 Minuten später fährt Helmut souverän auf den bereits überfüllten Parkplatz der Niederwaldkirchener Turnhalle und schätzt, dass er – wenn er sich beim Umziehen und beim Anmelden richtig sputet – noch etwa fünf Minuten zum Warmspielen haben dürfte. Das Turnier kann beginnen.