Lexikon der Tischtennis-Spielertypen – BONUS

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Heute eine Bonus-Folge: Die Spielerfrau

Mit Tischtennis hatte die Spielerfrau früher überhaupt nichts am Hut. Gut, vielleicht hat sie mal mit zwölf im Pausenhof oder im Freibad beim Rundlauf mitgespielt.

Aber so richtig mit Tischtennis in Kontakt kam sie erst als sie ihren Andi kennengelernt hat. Denn der spielt im Verein, und das schon seit Jahren.

Natürlich hätte sich die Spielerfrau da jetzt auch einen deutlich attraktiveren Sport ihres neuen Freundes vorstellen können: Fußball, Basketball, Volleyball, Judo, Tennis – also praktisch alles außer Schach. Aber da waren sie und der Andi eben schon ein Paar und lange war ja auch gar nicht klar, ob das überhaupt etwas Ernstes wird.

In der anfänglichen Verliebtheitsphase ist die Spielerfrau sogar einmal zu einem Punktspiel mitgekommen. Schließlich wollte sie sich das schon mal ansehen, was ihr Held sportlich so zu bieten hat. Leider hatte der Andi da keinen so guten Tag und hat sich gegen einen deutlich übergewichtigen Mittsiebziger, der angeblich einen „ganz komischen Schläger“ hatte, eine deftige Packung eingefangen. Das war jetzt schon beeindruckend für die Spielerfrau – aber eben auch nur durch den Umstand, dass man Tischtennis anscheinend bis ins – sehr – hohe Alter spielen kann.

Das ganze Drumherum hat ihr nicht wirklich zugesagt: All diese wahnsinnig ergeizigen Typen mit Stirnband und kurz vor der Midlife-Crisis, die bei jedem verschlagenen Ball laut in der Halle herum blöken. Dazu der nicht gerade dezente Geruch nach Moschus und Altherrenschweiß, die größtenteils völlig unverständlichen Punktspiel-Abläufe – und von Andis Sporthose wollen wir da gar nicht reden.

Auch der anschließende gemeinsame Besuch in der verrauchten Vereinsgaststätte hat ihr nicht wirklich geholfen, die Faszination des Tischtennis-Sports zu verstehen. Hier wurde gemeinsam nur viel Bier getrunken und von angeblichen Heldentaten von vor über zehn Jahren philosophiert, die beim Anblick der Anwesenden deutlich jenseits der Vorstellungskraft der Spielerfrau lagen. Auf jeden Fall ist sie dann vorzeitig alleine nach Hause gegangen, nachdem sie auch nur die halbe Currywurst geschafft und die labberigen Pommes gleich ganz ignoriert hatte.

Die Spielerfrau war also auf eine nicht erhoffte Art und Weise tatsächlich nachhaltig beeindruckt von ihrem ersten Tischtennis-Abend, hat – nach reiflicher Überlegung – von einer vorzeitigen Beendiguung der Beziehung mit Andi noch mal abgesehen, doch gleichzeit den unumstößlichen Entschluss gefasst, künftig die Sporthalle nur noch im Notfall zu betreten. Und daran hat sie sich dann auch lange gehalten.

Natürlich ist es schön, dass ihr inzwischen angetrauter Andi eine regelmäßige sportliche Betätigung hat, sich mit Leuten trifft, dabei keinen allzu großen Unfug treibt und erst anschließend in die Kneipe geht. Doch besonders gerne berichtet sie ihren Freundinnen jetzt auch nicht gerade von Andis Tischtennis-Karriere, die sich seit Jahren unauffällig zwischen der ersten und zweiten Kreisklasse hin und her bewegt. Vermutlich.

Als die gemeinsamen Kinder nach und nach auf die Welt kamen, barg die regelmäßige Abwesenheit Andis am Freitagabend für „ganz wichtige Spiele um den Aufstieg“ durchaus Konfliktpotential für ihre Ehe, das Andis freundlich aber bestimmter Hinweis, sie könne doch froh sein, in der Bezirksliga würde man sogar am Samstagnachmittag spielen, auch nicht wirklich auflösen konnte.

Seit letzter Saison spielt Andi nun in einem anderen Verein und seine neue Doppel-Partnerin Yvonne wurde dann so oft erwähnt, dass die Spielerfrau doch noch mal die Sporthalle betreten musste, um sich von Yvonnes angeblicher Unattraktivität persönlich überzeugen zu können. Und weil sie schon mal dabei war, ist sie auch noch gleich ins Vereinsheim gegangen, wo sie die zum Glück keinesfalls attraktivere Kellnerin Sandy kennenlernen konnte. Seitdem ist die Spielerfrau wieder deutlich entspannter, wenn Andi seine Sporttasche packt und sich mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange zum Punktspiel verabschiedet, offenkundig schon ganz im Tunnel für das nächste bestimmt ganz wichtige Match.

Diese Entspannung hielt dann so lange an, bis Andi doch tatsächlich einen sehr großen und sehr hässlichen Pokal mit nach Hause brachte. Den hatte er angeblich bei irgendeinem internen Turnier gewonnen bei dem der Linkshänder im Doppel gegen den zweiten Jugendlichen … – aber da hatte die Spielerfrau schon gar nicht mehr zugehört, sondern bereits hin und her überlegt, mit welchem Argument sie den von Andi gerade stolz wie Oskar auf dem Wohnzimmer-Sideboard platzierten Pokal in den Keller verbannen könnte. Schließlich erinntere sie sich noch ganz genau an ihre Abmachung vor einigen Jahren, als sie Andi dazu brachte alle in seiner Kindheit errungenen Pokale und Urkunden in einen Karton auf dem Speicher zu räumen: Im Tausch gab sie ihm das Versprechen, neu gewonnene Pokale dürfe Andi gerne im Wohnzimmer aufstellen. Schießlich war sich die Spielerfrau ganz sicher, dass da innerhalb dieser generation überhaupt keine Gefahr bestehen würde.

Nun hatte Andi aber tatsächlich die Saison seines Lebens gespielt, sich von der zweiten in die dritte Mannschaft vorgekämfpt (oder war es von der vierten in die dritte?) und eben am Saisonende dieses Turnier gewonnen. Tja, und deshalb steht da jetzt seit einem Jahr dieser Pokal im Wohnzimmer (zum Glück ein Wanderpokal), den die Spielerfrau immer wieder so ein bisschen hinter der Grünpflanze zu verstecken versucht. Gerade wenn die Nachbarinnen abends auf ein sommerliches Kaltgetränk vorbeischauen, möchte sie nicht irgendwelche flapsigen Kommentare zu dem Hobby ihres Mannes hören. Allerdings hat bei so einer Gelegenheit die Steffi kürzlich darauf hingewiesen, wie froh sie wäre, wenn ihr eigener Mann mal irgendeine Art von Sport machen würde, der säße immer nur faul vor der Glotze herum und nehme Jahr um Jahr zu. Der Andi wäre wenigsten noch gut in Form für sein Alter und habe wirklich einen Knackarsch, das müsse hier mal gesagt werden.

Ja, da hat die Spielerfrau durchaus stolz anschließend heimlich den Pokal abgestaubt und ihren Andi dann auch nicht gleich einschlafen lassen. Doch als einige Monate später erneut dieses Turnier ansteht, hat die Spielerfrau ihrem Mann eine klare Ansage mit auf den Weg gegeben: Wenn er den Wanderpokal abends wieder mit nach Hause bringe, würde er die nächsten Wochen auf der Couch schlafen müssen. Der Andi ist dann – nach völlig überraschenden Niederlagen gegen deutlich schwächer eingeschätzte Jugendspieler – sicherheitshalber Vorletzter geworden. Nur um dann zu Hause vorwurfsvoll zu hören: „Ich dachte bei dir geht es spielerisch gerade aufwärts?“

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