Mannschaftsführer

von Der Zeigefinger

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Kaum ein Amt ist ähnlich unbeliebt in der Tischtennis-Welt wie das des Mannschaftsführers. Und das völlig zu Recht!

Der Mannschaftsführer von heute hat es selbstversändlich besser als seine Vorgänger von vor zehn oder 20 Jahren: Er arbeitet mit Handy-Nummern, E-Mails, Excel-Tabellen und WhatsApp-Gruppen. Selbstverständlich finden alle seine Schäfchen sämtliche Spieltermine online und zwar Monate in Voraus. Inklusive Spielbeginn und Adresse der Turnhalle.

Doch es hilft alles nichts. Der Mannschaftsführer bekommt trotzdem am Tag vor dem nächsten Spiel eine profane SMS von seiner Nummer 1 mit der Mitteilung, dass ja leider morgen der runde Geburtstag der Lieblingstante sei. Ende der SMS. Sich selbstständig auf die Suche nach einem Ersatzspieler machen? Nur was für Streber!

♦ Unterstützung und Eigeninitiative des Teams? Nur was für Streber! ♦

Dass das formbeste Teammitglied sich krankheitsbedingt weder in der Lage sieht sich an die Platte zu schleppen geschweige denn einen Ersatzmann zu suchen – na schön. Aber das fällt ihm zwei Stunden vor Spielbeginn ein? Achso, ja, hm, morgens hat er noch geschlafen und das Handy hatte keinen Akku mehr…

Doch irgendwie kann auch dieses Spiel mehr oder weniger reibungslos über die Bühne gehen, auch wenn man gegen den Tabellenvorletzten klar verliert. Wirklich eng wird es jedoch eine Woche später. Hier hat – überraschenderweise wenigstens frühzeitig gemeldet – die Hälfte der Mannschaft Besseres zu tun (Stichworte: Hochzeitstag, Wiesn-Besuch, Junggesellenabschied des besten Freundes). Leider spielen auch die hinteren Mannschaften am gleichen Tag und haben neben der ohnehin eher geringen Lust auszuhelfen damit sogar eine ernstzunehmende Ausrede. Schließlich könnten sie theoretisch noch aufsteigen!

 ♦ Absolute Lieblingsbeschäftigung: Spielverlegungen aushandeln ♦

So gilt es also den Mannschaftsführer des Gegner zu kontaktieren und äußerst freundlich und bescheiden nach eventuellen Ausweichterminen zu fragen. Der gegnerische Mannschaftsführer ist nun in zwei Kategorien einzuteilen: Einerseits der Paragrafenreiter der aus Prinzip nicht verlegt („Geht bei uns auch gar nicht wegen den Hallenzeiten“) und so zwei leichte Punkte wittert, zumal er selber vermutlich nicht in Bestbesetzung antreten wird. Andererseits gibt es aber auch den gutmütigen Leidensgenossen, welcher selbstverständlich alles in seiner Macht stehenden tun wird um – gegen den ein oder anderen Kasten Bier – drei Wochen nach Ende der regulären Saison noch einen Ersatztermin zu finden. Erfahrungsgemäß wird dieser Termin dann aber dank Freibadwetter, Lustlosigkeit sowie Desinteresse an der goldenen Ananas um die es nur noch geht mindestens von einer der beiden Mannschaften ohnehin nicht mehr wahrgenommen.

Ab und zu kommt es aber doch vor, dass man mal wieder in Bestbesetzung antreten kann und sich trotz des starken Gegeners einige Chancen ausrechnet. Frühzeitig erscheint daher der Mannschaftführer in der kalten Halle, wo er alleine schon einmal aufbauen kann: Platten werden herangekarrt und Netze gespannt, was bekanntlich alleine ganz hervorragend funktioniert. Dann werden Banden, Tische und Zählmaschinen angeschleppt und schon einmal die – natürlich selber gekauften – Spielbälle bereit gelegt. Immerhin ist inzwischen der erste Mitspieler anwesend – immer ist es der gleiche, der zuerst erscheint, und oftmals ist es sogar der hochmotivierte Ersatzmann.

♦ Das Bisschen Aufbau macht sich von allein ♦

Zehn, fünf und eineinhalb Minuten vor Spielbeginn trudeln dann endlich auch die letzten Mitspieler ein und fordern sofort eine der bereits seit Ewigkeiten aufgebauten Platten zum Warmspielen ein – leider drängt die Zeit nun etwas. Kein Problem, schließlich muss der Mannschaftsführer nun eh noch den lästigen Schreibkram erledigen und die heutige Doppelaufstellung mit allen Beteiligten („mir egal“) aushandeln.

Kann es dann endlich losgehen und der Mannschaftsführer stellt sich zur heißgeliebten Eröffnungs-Rede auf so vergeht noch die ein oder andere Minute bis seine Sportkameraden ihre Schläger geputzt, die Bierflasche geöffnet, die Trainingsjacke ausgezogen und noch einmal auf ihre Handys geblickt haben. Schon beginnt das mühevolle Entziffern kryptischer Spielernamen des Gegners da der gegnerische Kapitän offenbar in Schönschrift in der Schule immer gefehlt hat. Kaum sind alle Doppelpaarungen („Mayer senior und Huber gegen Müller junior und Przf-äh..-kl-hyp auf Platte 1“), Offensichtlichkeiten wie auf welchen Platten gespielt wird („hier“) sowie Platitüden („wünschen und sportliche und faire Spiele“) und glatte Lügen („möge der bessere Gewinnen“) heruntergerattert worden ohne auch nur ein einziges Mal vom Spielberichtsbogen aufzublicken, schon gibt es spärlichsten Applaus während sich die Nummer 1 bereits an der Platte dehnt.

♦ Wenigstens gibt es einen Schuldigen ♦

Im anschließenden Spiel ist der Mannschaftsführer dann dank einstündiger Aufbauten viel zu platt um seinen Gegnern auch nur irgendeine Gegenwehr leisten zu können. Und kaum kommt der Star des Teams von der ausgiebigen Raucherpause nach seinem glanzvollen Auftritt zurück in die Halle um – wenn es denn wirklich sein muss – den Mannschaftsführer beim Zählen abzulösen, da ist das Spiel auch schon klar und deutlich verloren. Große Enttäuschung allenthalben, aber auch zünftige Fehlersuche: War ja klar, dass das bei der Doppelaufstellung heute sowieso nichts werden konnte!

Und, ach ja: Nächste Woche ist schlecht, da feiert man Vater seinen Siebzigsten, verstehst!? Aber da findest bestimmt jemand anderen.