Die Sommerpause

von Philipp Hell

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Die einen fürchten sich davor, die anderen fiebern ihr entgegen, doch spätestens Mitte April befinden sich alle Tischtennis-Spieler mitten in der offiziellen Sommerpause. Selbstverständlich gibt es sehr unterschiedliche Ansätze, damit umzugehen.

Aus aktuellem Anlass erneut veröffentlicht.

Die Trainingseifrigen tun einfach so als wäre nichts gewesen: Sie trainieren jede Woche weiterhin zwei Mal, als ob sie sich für das kommende Punktspiel am Mittwoch in Form halten müssten. Dabei werden die immer gleichen Übungen routiniert abgespult, werden mit den immer gleichen Gegnern die immer gleichen Biere ausgespielt, wird gegen Ende des Trainings statt einer eigentlich überaus sinnvollen und auch dringend nötigen technischen Einheit lieber noch ein lasches Doppel gespielt und auch sonst wird nichts am gewohnten Tischtennis-Ablauf geändert. Anschließend sitzt man noch auf zwei oder fünf Halbe gemütlich zusammen und debattiert nach jedem Training aufs Neue über den Verlauf der vergangenen Saison und wie es zu dem überraschenden Abstieg der zweiten Mannschaft kam.

♦ Turniere, Trainingslager, neues Material ♦

Die Ambitionierten wiederum haben sich so einiges vorgenommen: Endlich ist Zeit für Tischtennis-Kurse und –Trainingslager aller Art, endlich kann man sich in Ruhe durch den kompletten neuen Belag-Katalog des Tischtennisbedarf-Händlers seines Vertrauens testen, endlich kann man versuchen, sich den seit Jahren nicht beherrschten Rückhand-Topspin anzutrainieren, endlich kann man am Wochenende an allen Turnieren im näheren Umkreis von ca. 450 Kilometern teilnehmen, endlich kann man mittels Ausdauerläufen und Zirkeltraining an seiner Fitness arbeiten – denn endlich stört nicht mehr der nervige Ligaalltag mit permanenten Stresssituationen in Punktspielen den ausgefeilten Trainingsplan. Stattdessen liegt der volle Fokus nun darauf, das eigene Spiel zu perfektionieren, und zwar hinsichtlich Technik, Physis, Psyche und natürlich Material. Alles mit nur einem Ziel: Nächste Saison bessere Ergebnisse zu erzielen – und zwar deutlich bessere.

♦ Oder doch lieber zum Beachvolleyball? ♦

Der Pragmatische sieht die Sache natürlicherweise ganz anders. Nach dem letzten Punktspiel wird er zunächst wochenlang nicht mehr in der Halle gesehen, er muss sich erst einmal erholen von dem ganzen Stress der Saison. Mitte Juni dämmert es ihm jedoch, dass er im September die ersten Spiele gnadenlos vergeigen wird, sollte er bis dahin nicht wenigstens ein paar Mal trainieren. Folglich packt er seine Tischtennis-Tasche und fährt zur Halle. Nachdem er dort jedoch nur ein paar mittelattraktive Doppel mit der – wie immer vollzählig versammelten – siebten Mannschaft spielen kann, erinnert er sich wieder daran, warum er in der Sommerpause oft lieber Beachvolleyball spielt. Springt das Thermometer dann kontinuierlich über 23 Grad, hat er endlich eine plausible Ausrede dafür, nicht in die völlig überhitze Hallen-Sauna zu fahren sondern lieber ins Freibad. Und in den Sommerferien kann man ja eh nie trainieren, da der Hausmeister wochenlang im Urlaub weilt. Wenigstens trifft man den Pragmatischen dann Mitte September pflichtbewusst bei den ersten beiden Trainingseinheiten vor Saisonbeginn an – braungebrannt und hochmotiviert.

♦ Tennis ist auch ein schöner Sport ♦

Dies steht im krassen Gegensatz zum Phantom. Das Phantom ist nie, wirklich nie, im Training anzutreffen. Zwar ist er seit 25 Jahren Mitglied der Tischtennis-Abteilung, doch tritt er weder zu vereinsinternen Turnieren an, noch beteiligt er sich an gesellschaftlichen Veranstaltungen wie Sommerfesten oder Aufstiegsfeiern. Und schon gar nicht geht er trainieren, denn er ist ein Naturtalent. So kommt es, dass er nach dem letzten Saisonspiel seinen Schläger zu Hause in eine Ecke wirft und ihn erst ein halbes Jahr später zum Auftaktspiel wieder ausgräbt. Tatenlos war er jedoch nicht in dieser Zeit: Er verhilft im Sommer dem örtlichen Tennisclub zum lange ersehnten Bezirksligaaufstieg.