Lexikon der Tischtennis-Spielertypen – Folge #6

von Philipp Hell

In unserer Lexikon-Serie beleuchten wir die verschiedenen Spielertypen die uns im Amateur-Tischtennis so über den Weg laufen: Woran erkennt man sie, was zeichnet sie aus und warum sind sie so wie sie sind?

In Folge #6 geht es heute um ihn: Die Nummer 1

Er ist der beneidete Spieler im Verein, denn: Er ist die Nummer 1. Und das seit Jahren. Unangefochten.

Dass das Talent beim Tischtennis ebenso ungleich verteilt ist wie überall sonst auch im Leben weiß jeder. Doch manche Spieler scheinen bei der Talent-Vergabe schon besonders gut bedacht worden zu sein. Und so steht die Nummer 1 jetzt eben schon seit 23 Jahren an Position eins der Rangliste seines Heimatvereins. Mit einem Vereinswechsel in die nächste Kleinstadt hätte er schon längst mal Bezirksliga spielen können, seiner Spielstärke also völlig angemessen.

♦ Wechsel in die Bezirksliga? Hat ihn nie gereizt ♦

Doch irgendwie hat ihn das bisher noch nie wirklich gereizt. Da wäre er eben bloß irgendeine Nummer unter vielen und würde vermutlich nur – Gott bewahre! – in der zweiten Mannschaft spielen. Da lobt er sich doch die Geselligkeit in seinem Stammverein mit den Jungs die er seit 30 Jahren kennt und die Bewunderung aller Vereinsmitglieder von jung bis alt. Denn er schlägt sie alle, egal ob offensiv oder defensiv, mit Noppen oder Anti, mit Talent oder ohne, mit Ehrgeiz oder nicht – er schlägt sie alle, immer.

Nach 37 Titeln in Folge bei den diversen Vereinsturnieren ist er letztes Jahr extra an dem einen Wochenende in Urlaub gefahren, um den anderen Jungs auch mal die Chance zu geben. Gesagt hat er ihnen das so aber natürlich nicht. Nicht, dass er sie gefürchtet hätte! Auch nicht das ganz frische Talent, der ihn neulich mit seinen gerade mal knapp 16 Jahren doch glatt zwei Mal an einem Abend im Training nass gemacht hat. Aber gut, unter echten Wettkampfbedingungen während so eines langen Turniernachmittages hätte das natürlich sicherlich ganz anders ausgesehen. Allein schon mit seiner Erfahrung und Routine hätte die Nummer 1 da sicherlich wieder einen Pokal mit nach Hause genommen.

♦ Ständig muss er Pokal-Regale kaufen ♦

Ja, diese Pokale. Seine Frau ist da schon lange keine Bewunderin mehr, sondern ärgert sich bloß, wenn die Nummer 1 wieder mal vom Baumarkt kommt und ein neues Regal im Keller an die Wand bohrt. Schließlich muss irgendwer das ganze Zeug später wieder abstauben! Daher ist er nun auch gar nicht mehr so erpicht darauf, alle Vereinsturniere auch wirklich zu gewinnen. Als er kürzlich tatsächlich mal im Halbfinale scheiterte, da hatte er zwar vorher bereits diese Schulterverletzung erwähnt, aber ob die nun wirklich so schwerwiegend war …

Ganz entspannt ist die Nummer 1 auch jedes Jahr bei der Erstellung der Rangliste für die kommende Saison. Denn während seine Kumpels noch TTR-Punkte zählen und hoffen nicht in hintere Mannschaften zu rutschen, ist er natürlich Realist genug um zu wissen: Ich bin und bleibe die Nummer 1, komme was da wolle. Und meistens kommt ja auch nicht viel. Gut, vor fünf Jahren hatte der Markus mal eine ultra-überragende Vorrunde gespielt, so dass sie beide dann punktemäßig vor dem letzten Spiel gegen den ungeschlagenen Tabellenführer mit den beiden ehemaligen Regionalliga-Spielern im vorderen Paarkreuz gleichauf lagen. Also praktisch gleichauf, der Markus hatte eventuelle ein oder zwei Pünktchen mehr zu dem Zeitpunkt.

♦ Ja gut, der Markus! ♦

Leider hatte die Nummer 1 dann ein paar Tage vor dem Spiel dieses unangenehme Zwicken im Lendenwirbel verspürt, und da es ohnehin um nichts mehr ging wollte er da keinerlei Risiko eingehen. Das haben auch alle Mitspieler verstanden, und der Markus hat sich von den beiden bitteren Pleiten mit insgesamt nur 13 gewonnenen Punkten auch schnell wieder erholt gehabt und war in der Rückrunde wieder die erwartet durchschnittliche Nummer 2. Leider ist er dann zur neuen Saison zum Lokalrivalen gewechselt, aber das ist natürlich eine andere Geschichte.

 

Da spielt er diese Saison: Da wo er immer spielt: In der Ersten auf Eins.

Das sind seine Ziele: Die Jungs mitziehen.

Das typische Zitat: „Turnierfavorit? Ach ich weiß nicht, der Armin hat mich zuletzt im Training öfters mal richtig gefordert.“

Das untypische Zitat: „Keine Ahnung in welcher Mannschaft ich nächste Saison spiele.“


Bereits erschienen:

Folge #5 – Der Coach

Folge #4 – Der manisch Offensive

Folge #3 – Der Gesellige

Folge #2 – Der Resignierte

Folge #1 – Der Routinier

Der ein oder andere Spielertyp kommt euch bereits bekannt vor? Kann gut sein, dass er in der Kolumne zum Saisonstart bereits erwähnt oder aber beim Psychopathen-Sport gesichtet wurde.