Abbauen und Duschen

von Der Zeigefinger

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Über zwei eher ungeliebte Disziplinen des Kreisliga-Tischtennis.

Erstveröffentlichung am 26.2.2018 auf mytischtennis.de

Ist das Punktspiel nach langem Kampf und literweise vergossenem Schweiß endlich beendet, so gilt es für die Gastmannschaft lediglich, ihre Siebensachen in der Sporttasche zu verstauen (Schläger, Ersatzschläger, Alternativschläger, Thermos-Becher mit „isotonischen“ Getränken, lächerliches Schweißband etc.) und ab unter die Dusche.

Für die Heimmannschaft jedoch steht zunächst noch die etwas ungeliebte Disziplin Abbauen auf dem Programm. Das heißt, für alle Spieler der Heimmannschaft außer Peter, denn der stürmt bereits frisch geföhnt aus der Halle und ruft seinen Jungs im Vorbeirennen noch zu: „Geh, ihr seid mir nicht bös!? Die Regierung wartet schon, aber beim nächsten Mal helfe ich bestimmt wieder mit!“ Ganz bestimmt Peter, so wie die letzten vier Saisons eben auch schon.

♦ Der Rest wird es schon richten ♦

So liegt es an der Resttruppe, alle maroden Tische so zusammenzuklappen, dass sie möglichst nicht wieder umfallen können und die nigelnagelneuen Netze in die wie immer viel zu kleinen Kartons zu verstauen. Außerdem müssen Zählmaschinen eingeordnet, kaputt getretene Bälle aufgehoben sowie die durchhängenden Banden zurück in den Geräteraum getragen werden. Schließlich will man auf gar keinen Fall die teuren Gerätschaften einer Meute an Siebtklässlern im Schulsport am nächsten Vormittag überlassen.

Ja, das müsste alles getan werden. Doch keiner rührt sich so recht, jeder Spieler geht äußerst geschäftig einer anderen Tätigkeit nach: Mannschaftsführer Basti zählt gerade zum siebten Mal auf dem Spielberichtsbogen die Sätze des heutigen Punktspiels zusammen, der Jungspund berichtet seiner aktuellen Flamme per Whatsapp ganz aufgeregt von seinen neuesten Erfolgen, Karl-Uwe putzt schon minutenlang seinen Schläger, der Sozialpädagoge im Team unterhält sich noch mit einem Zuschauer über dessen private Probleme und Hotte wühlt schon einer Ewigkeit leise vor sich hinmurmelnd in seiner Sporttasche (oder was er dafür hält) herum. Die Minuten vergehen bis dann doch alle einsehen, dass sich von selbst noch nie eine Halle aufgeräumt hat. Ächzend erhebt man sich, beginnt das zähe Aufräumritual und beneidet die Fußballer auf dem Sportplatz draußen, die nach dem Spiel natürlich nie die Tore wegtragen müssen.

♦ Ab unter die Dusche ♦

Irgendwann ist die Halle dann doch wieder leer und schweren Schrittes schleppt sich die müde Bande in die Umkleide. Nur noch unter die hochverdiente Dusche und schon kann man endlich in die Wirtschaft aufbrechen. Doch leider trifft man zwischen Fußschweiß, leeren Deos und einem Haufen vergessener Sportbekleidung auf ungeahnte Hindernisse.

Karl-Uwe stellt umgehend fest, dass sein Handtuch leider noch zu Hause auf der Wäscheleine hängt, vielen Dank schon mal an die Ehefrau. Vor zwei mehr oder weniger eklige Alternativen gestellt, entscheidet er sich dagegen, Hottes bereits benutztes und daher noch feuchtes Handtuch anzunehmen – stattdessen wird er sich heute mit seinem verschwitzten Trikot abtrocknen. Dass er offensichtlich auch keine Ersatzsocken eingepackt hat, ist an diesem gebrauchten Tag auch schon egal. Vor Spielbeginn hatte er noch Glück gehabt, als er zwar zunächst feststellen musste, keine kurze Hose eingepackt zu haben, dann aber bei der verzweifelten Suche nach einem passendem Ersatz in dem Kleiderhaufen tatsächlich seine seit mehreren Monaten vermisste und zum Trikot passende Short entdeckt hatte. Was für ein Zufall! Auf jeden Fall sollte Karl-Uwe nächste Woche sorgfältiger seine Sporttasche packen, so viel ist ihm klar.

♦ Adiletten-Pflicht ine Schulturnhallen? ♦

Zum Thema eklige Alternativen sei nebenbei noch erwähnt, dass sich die Kreisliga-Duscher klar in zwei Lager aufteilen: Diejenigen mit „Adiletten“ und diejenigen ohne. Während es letzteren offenbar vor gar nichts graut, lassen erstere auch gerne mal eine Dusche ausfallen, sobald sie feststellen, dass sie ihre wichtigsten Utensilien (wichtiger noch als der Schläger!) leider zu Hause vergessen haben: „Schon mal die aktuellen Studien über die Schimmeldichte in öffentlichen Umkleiden gelesen? Nein? Dagegen ist eine holländische Champignon-Zucht Brachland…!“

Hotte wiederum hatte – als er als erster alleine unter der Dusche stand – festgestellt, dass sein Duschgel (wie bereits die ganze Saison über) leer ist. Nun denn, heißes Wasser ist ja ohnehin das Wichtigste einer Dusche. Apropos: Als die weiteren Kollegen endlich eintrudeln, kann von heißem Wasser ohnehin nicht mehr die Rede sein. Die Einschätzung schwankt zwischen „äußerst erfrischend“ und „arktisch“, je nach Warmduscher-Grad des Spielers. Die Gästemannschaft hat dem alten Boiler mal wieder alles abverlangt.

Völlig unabhängig vom Vorhandensein warmen Wassers kann man in so einer Kreisligadusche selbstverständlich immer die neuesten Tattoo- und Brustrasur-Trends verfolgen, sich über die Größe diverser Körperteile austauschen und sich bei Bedarf das Duschgel des Mitspielers ausleihen – natürlich nicht, ohne es dann lautstark zu kommentieren: „Warum nimmst du denn so ein Zeug mit Fruchtgeruch und nicht etwas richtig männliches?“

♦ Der Heimduscher wartet ♦

Jungspund Leon wiederum, intern auch „der Heimduscher“ genannt, wartet ungeduscht und ungeduldig in seinem Trainingsanzug auf seine Mitfahrgelegenheit. Schließlich muss er heute noch in die einzige Kneipe im ganzen Ort mit Ü35-Publikum, die vermutlich äußerst kreativ „WunderBar“, „SonderBar“ oder „BarCelona“ heißt. Auf den zum wiederholten Mal von Sören äußerst einfühlsam (ein echter Sozpäd!) vorgebrachten Vorschlag, sich doch endlich nicht mehr so anzustellen und sich hier gefälligst auch mal zu duschen, kontert Leon überraschend mit dem Hinweis, dass er, würde er regelmäßig mit alten Männern duschen wollen, ja auch ins Kloster hätte gehen können.

Sören schüttelt ungläubig den Kopf während er sich mit Gesichts- und Rasierwasser behandelt, welches dem Geruch nach zu urteilen vermutlich bereits vor dem letzten Krieg erhältlich war. Ganz allgemein gesprochen wird selbst in einer Männerumkleide ebenso intensiv wie heimlich das Pflegeprogramm des Nachbars beobachtet: Als Sören (intern gerne „die hohe Stirn“ genannt) dann auch noch ausgiebig mit Haarspray hantiert, muss er sich unter dem dröhnendem Gelächter der Umstehenden von Basti fragen lassen, ob es sich dabei um ein Kopfhautspray handelt.

Ja, das ist schon eine verschworene und herzliche Truppe, die hier gegenseitig versucht, nur ja nicht den Sportschuhen des Sitznachbarn zu nahe zu kommen. Da hilft auch das von Basti (intern oftmals „der Stinker“ genannt) verwendete angebliche Muskelöl nichts, mit dem er einmal mehr die ohnehin angespannte olfaktorische Lage in der Herrenumkleide malträtiert.

♦ Dann lieber in die Damenumkleide ♦

Karl-Uwe, sichtlich genervt von den üblichen Debatten sowie seinem nicht vorhandenem Handtuch, flüchtet sich mal wieder in die Damenumkleide. Dort gibt es erfahrungsgemäß wenigstens noch warmes Wasser, er kann sich ungesehen mit seinem Trikot abtrocknen und muss sich nackt von niemandem etwas weggucken lassen. Elfie, die einzige Dame im Verein, hat das Training ja schon vor über einer Stunde beendet, das heißt Bahn frei für Karl-Uwe, der so eine Dusche alleine durchaus zu schätz… – AAAAAAH!

Ein gellender Schrei tönt bis hinüber in die Herrenumkleide, wo sich vier Mitspieler von Karl-Uwe köstlich amüsieren. Anscheinend hatte es sich noch zu jedem herumgesprochen, dass Elfie, mit ihren 78 Jahren eventuell nicht mehr ganz taufrisch, nach dem Tischtennis-Training neuerdings direkt im Anschluss noch zum Yoga in der zweiten Halle geht und sich erst dann umzieht. Eines ist sicher: Diesen Umstand wird Karl-Uwe künftig genauso wenig vergessen, wie den Anblick, der sich ihm in der Damenumkleide bot.