Der fünfte Satz

von Philipp Hell

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Zittrige Hände oder endlich das wahre Potential abgerufen? Nerven aus Stahl bewiesen oder doch wieder knapp und dumm verloren? Der Entscheidungssatz trennt natürlich die Tischtennis-Spreu vom Weizen – hier folgt die tiefenpsychologische Analyse.

Der fünfte Satz wird oftmals wahlweise als reines Glücksspiel oder pure Nervenschlacht angesehen. Nun, ganz so einfach ist es nicht, am ehesten handelt es sich noch um eine Mischung aus beidem. Nicht zu vernachlässigen ist aber natürlich das Zustandekommen eines Entscheidungssatzes: Habe ich mir durch vier Sätze sinnlosen Herumschullerns gegen einen technisch klar unterlegen Gegner diese missliche Situation selber eingebrockt? Oder aber habe ich 15 Minuten lang weit über meinen Möglichkeiten gespielt und wirlich alles getroffen was im bisherigen Jahrzehnt kontinuierlich an der hinteren Wand der Turnhalle einschlug?

♦ Die Spezialisten: Wettkampfschweine ♦

Jeder wird einsehen, dass diese Vorzeichen also einen großen Einfluss auf den Ausgang des finalen Satzes haben werden. Denn wie fordern Fußballtrainer immer wieder: Man muss endlich mal eine Schippe drauflegen. 110% Einsatz zeigen. Sich endlich mal voll konzentrieren! Ja und dann? Wechselt man bei 1:5 resigniert die Seiten. Kommt dann noch einmal auf 5:7 heran. Zieht seine Auszeit bei 7:9. Und verliert dann eben doch. Oder nicht?

Es gibt schon ein paar Fünf-Satz-Spezialisten. Diese Jungs brauchen das einfach, diesen Nervenkitzel um ihr wahres Potential abrufen zu können (oder eventuell sogar mehr). Echte Wettkampfschweine die keinen Ball verloren geben. Stimmt ja schon, ein knappes 3:2 gegen einen gleichwertigen Gegner macht hinterher viel zufriedener als wenn man einen Halbblinden klar in drei Durchgängen beherrschen konnte.

♦ Spreu und Weizen ♦

Und andererseits sind Niederlagen im Entscheidungssatz meist besonders bitter, wäre doch so viel mehr drin gewesen! Manche Tischtennisspieler sind da aber auch besonders anfällig: Verweisen schon beim Stand von 1:2 auf ihre miese Fünfsatz-Bilanz in den letzten sieben Monaten welche ein Drehen des Matches ohnehin unmöglich mache. Verweisen darauf, dass sie nach dem langen Eingangsdoppel und dem anstregenden ersten Einzel doch schon sehr geschlaucht seien. Gestern noch in der ersten Mannschaft aushelfen mussten. Und ohnehin blendet das Licht heute die ganze Zeit so unangenehm.

Irgendwie ist er wirklich die Königsdisziplin, dieser fünfte Satz. Spreu und Weizen halt. Männer und Mädchen. Fighter und Luschen. „Mentalbarometer“ nennen das die Kollegen von mytischtennis.de. Und tiefenpsychologisch gesehen? Na ja, ein bisschen Mut sollte man sich in entscheidenden Situationen  – sei es in der Verlängerung bei 10:10 oder eben im Entscheidungssatz – schon bewahren, allein mit Ball halten gewinnen nur die wenigsten. Nur der Übermut, der ist noch fataler als das hasenfußartige. Ach, wie man’s macht macht man’s verkehrt, das alte Leid im Tischtennis. Und am Ende: doch wieder Glücksspiel. Oder?