Die Anfahrt

von Der Zeigefinger

Tischtennis sei ein sehr komplexer Sport, heißt es gerne. Das stimmt! Bei Heimspielen ist normalerweise der großen Mehrheit der Spieler Ort und Zeitpunkt zumindest halbwegs konkret bekannt. Auswärtsspiele jedoch beginnen zunächst mit der organisatorisch anspruchsvollen sowie höchst beschwerlichen Anfahrt.

Erstveröffentlichung am 18.04.2016 auf mytischtennis.de

Normalerweise wird als Treffpunkt zur Abfahrt „die Halle“ ausgemacht, der zentrale Punkt für alle Belange eines jeden Tischtennis-Vereins. Dort steht man dann frierend im Trainingsanzug aus schönster Ballonseide in der Kälte herum und wartet auf die noch fehlenden Mitspieler. Eine typische Saison besteht üblicherweise mindestens aus folgenden Anfahrts-Situationen:

Spiel 1: Die neu formierte Sechser-Mannschaft reist mit sieben PKW beim Gegner an, da es mit der Absprache eher so mittel geklappt hat. Schließlich haben alle Spieler hinterher noch etwas vor und müssen daher direkt nach Spielende abreisen. Außerdem wollte Sörens Freundin mal wieder einen Abend mit ihm verbringen, daher hat sie sich ebenfalls mit dem eigenen Auto in der fremden Halle eingefunden.

Spiel 2: Bis auf die Nummer 1, die selbstverständlich immer alleine anreist, finden sich alle Spieler nun am doch gemeinsam vereinbarten Treffpunkt ein. Leider konnte nur einer von ihnen das Auto von seiner Gattin loseisen. Bevor es losgehen kann, muss folglich noch eine Partie „Tetris für Fortgeschrittene“ gespielt werden, um fünf Sporttaschen sowie fünf vollschlanke Tischtennis-Spieler in einen Fiat Uno zu bekommen. Merke: Für spannende Teambuilding-Maßnahmen muss man nicht extra in den nächsten Klettergarten fahren!

Spiel 3: Auch eine Viertelstunde nach der vereinbarten Abfahrtszeit fehlt noch ein Teammitglied. Telefonisch klärt sich nach mehreren erfolglosen Versuchen, dass er sich gerade auf Mallorca befindet und es daher wohl nicht mehr rechtzeitig zur Halle in Niederpforzheim-Süd schaffen wird. Spontan entschließen sich seine Mitspieler, einfach alle potentiellen Ersatzspieler, die halbwegs in der Nähe wohnen, direkt zu Hause zu besuchen. Einer wird sich hoffentlich kurzfristig vom abendlichen Fernsehprogramm und seinem Feierabendbier lösen können.

Spiel 4: Überraschenderweise haben sich dieses Mal die Spieler vollzählig und pünktlich am richtigen Treffpunkt eingefunden. Jetzt besteht nur noch ein kleines Problem: Keiner hat ein Auto mitgebracht! Nun kann nur gehofft werden, dass wenigstens die Frau des am nahesten wohnenden Teammitglieds ihren Wochenend-Einkauf auf einen anderen Tag verschieben kann – sonst müsste man wohl trampen.

Spiel 5: Erneut sind alle pünktlich am Treffpunkt erschienen, dieses Mal sind sogar genügend Autos vorhanden, es ist noch reichlich Zeit bis zum Spielbeginn und jeder bis in die Haarspitzen motiviert. Leider nur ist man selber der Fahrer desjenigen Autos, in dem sich die beiden Mitspieler eingefunden haben, welche sich absolut nicht riechen können. Nun herrscht natürlich – wieder einmal – dicke Luft und das Schneetreiben sowie das Verkehrschaos draußen macht die Sache auch nicht besser. Eine hervorragende Möglichkeit für den Fahrer die Inhalte des letzten Meditationskurses in der Praxis zu testen.

Spiel 6: Eine halbe Stunde vor Spielbeginn erreicht man – vollzählig und ausnahmsweise ohne Streitereien – die Halle des Gegners. Zunächst positiv überrascht von sich selbst und der ausgefuchsten Organisation stellt das Team jedoch bald fest, dass die Turnhalle verrammelt und verriegelt sowie verdächtig dunkel ist. Ein kurzer Anruf beim Abteilungsleiter – dein Freund und Helfer in jeder Tischtennis-Not – klärt darüber auf, dass der Gegner seit einigen Monaten in einem Hallen-Neubau am anderen Ende der Stadt spielt. Dort trifft man dann pünktlich vier Minuten nach dem offiziellen Spielbeginn ein.

Spiel 7: Alle möglichen Hindernisse in der Anfahrt wurden erfolgreich und rechtzeitig gemeistert, doch nun warten an und in der gegnerischen Halle nochmals einige Hürden auf das Auswärtsteam. Da gilt es zunächst den richtigen Eingang zu finden: Im Internet stand irgendetwas davon, dass der Hausmeister den Haupteingang immer schon frühzeitig zugesperrt hat, man sich jedoch über die Wiese mit den Obstbäumen in der Nebenstraße dem Schulgelände annähern kann, dort gibt es dann ein Loch im Zaun, Vorsicht vor dem Hausmeister-Hund, dann von außen an die Hallentür geklopft, und zwar im Rhythmus kurz-lang-lang-kurz und schon wird geöffnet. Leider hat man diese Beschreibungen vor Ort nur noch recht vage im Hinterkopf, die verbleibende Zeit fürs Umziehen beträgt schließlich noch dreieinhalb Minuten.

Spiel 8: Anfahrt und auch das Betreten des Gebäudes wurden perfektioniert und so macht man sich auf die Suche nach der passenden Umkleide. Dann jedoch platzt man zunächst in die Kabine der attraktiven Volleyball-Mädchen und wird direkt im Anschluss in der nächsten Kabine von den alarmierten und immer noch recht kernigen Teakwondo-Senioren empfangen. Beim Blick in die Sporttasche findet der junge Nachwuchsstar einige seiner notwendigen Utensilien nicht, sodass er später barfuß und mit dem Zweitschläger von Noppen-Norbert spielen muss – ganz klar Mamas Fehler. Außerdem bemerkt auch der ältere Kollege, dass er nicht alles Gewünschte in seiner Sporttasche vorfindet – er freut sich daher den ganzen Abend schon darauf sich später ein Handtuch mit Uwe teilen zu dürfen.

Spiel 9: Man betritt erstmalig vollzählig, frühzeitig sowie komplett ausgestattet des Gegners Halle, trifft aber leider nur die rüstigen Faustballer im Unterhemd an, die einem leutselig erklären: Ja, die Tischtennis-Spieler kämen immer etwas später, daher spiele man meistens noch den ein oder anderen Extra-Satz. Folglich nimmt das Team vorerst auf den bequemen Schulsport-Bänken Platz und bewundert eine Sportart, die offenkundig noch statischer ist als Tischtennis in der 4. Kreisliga Nord-West.

Spiel 10: Beim abschließenden Auswärtsspiel der Saison ist bei der eigenen Ankunft das gegnerische Team glücklicherweise frühzeitig anwesend, alle Platten sind bereits akkurat aufgebaut und so kann gleich mit dem Einspielen begonnen werden. Kommt es allen Teammitgliedern schon recht spanisch vor, dass man gegen das vermeintlich abgeschlagene Tabellenschlusslicht hierbei hauptsächlich das Bälleaufheben trainiert (und wo ist eigentlich Hans-Dieter, der spielt doch eigentlich immer bei denen mit!?), so ist das Hallo groß als eine weitere Mannschaft die Halle betritt. Schnell klärt sich auf, dass man sich gerade mit der Landesliga-Mannschaft des Gegners eingespielt hat – die fünfte Mannschaft wartet aber schon im Gymnastik-Raum unter dem Dach.