Der fünfte Satz

von Philipp Hell

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Zittrige Hände oder endlich das wahre Potential abgerufen? Nerven aus Stahl bewiesen oder doch wieder ebenso knapp wie dumm verloren?

Erstveröffentlichung am 15.5.2017 auf mytischtennis.de

Der fünfte Satz wird oftmals wahlweise als reines Glücksspiel oder pure Nervenschlacht angesehen. Nun, ganz so einfach ist es nicht, am ehesten handelt es sich noch um eine Mischung aus beidem.

Nicht zu vernachlässigen ist natürlich das Zustandekommen eines Entscheidungssatzes: Habe ich mir durch vier Sätze sinnlosen Herumschullerns gegen einen technisch absolut limitierten und daher eigentlich klar unterlegenen Gegner diese missliche Situation selber eingebrockt? Oder aber habe ich 15 Minuten lang weit über meinen seit Ewigkeiten unveränderten Möglichkeiten gespielt und wirklich alles getroffen, was im letzten Jahrzehnt sonst kontinuierlich an der hinteren Wand der Turnhalle einschlug? Jedem Tischtennisspieler ist klar, dass diese Vorzeichen selbstverständlich einen großen Einfluss auf den Ausgang des finalen Satzes haben werden: Das sogenannte Momentum hat schon immer zu den erstaunlichsten Ergebnissen geführt, auf die vorher nicht einmal die Wettmafia im Berliner „Café King“ gesetzt hätten. Aber es ist eben Psychologie. Ein Lauf – oder halt ein Antilauf.

♦ Endlich mal 120% Einsatz zeigen ♦

Wie fordern Fußballtrainer immer wieder vor laufenden Kameras von ihren Spielern: Man muss endlich mal eine Schippe drauflegen. Endlich 110% Einsatz zeigen – oder gar 120%. Sich endlich mal voll konzentrieren! Da könnten sich die Zelluloidfreunde ruhig mal eine Scheibe abschneiden. Ja und dann? Wechselt man bei 1:5 resigniert die Seiten. Kämpft sich noch einmal auf 5:7 heran. Trifft einen Wunderschlag zum Ausgleich. Glänzt dann mit einem Aufschlagfehler. Zieht seine Quoten-Auszeit bei 7:9. Und verliert schlussendlich eben doch einmal mehr.

Andererseits gibt es schon ein paar echte Fünf-Satz-Spezialisten. Diese Jungs brauchen das einfach, diesen Nervenkitzel, um ihr wahres Potential abrufen zu können (oder eventuell sogar noch mehr als das). Echte Wettkampfschweine, die keinen Ball verloren geben, Bauchplatscher vor dem Schiri inklusive. Spieler, die den Nervenkitzel selbst im als Stehgeiger-Sport verschrienen Tischtennis suchen und am Wochenende Fallschirmspringen gehen. Stimmt ja schon, ein knappes 3:2 gegen einen gleichwertigen Gegner macht hinterher in der Kneipe viel zufriedener, als wenn man einen Halbblinden mit zwei linken Händen klar in drei Durchgängen beherrschen konnte. (Nur der mosernden Ehefrau zu Hause sind alle Erfolge oder Misserfolge seit Jahren schnuppe, sei es in drei, in fünf oder in 23 Sätzen.)

♦ Das Licht blendet! ♦

Andererseits sind Niederlagen im Entscheidungssatz meist besonders bitter, wäre doch so viel mehr drin gewesen! Manche Tischtennisspieler sind da aber auch besonders anfällige Mimosen: Verweisen schon beim Stand von 1:2 auf ihre miese Fünfsatz-Bilanz in den letzten siebeneinhalb Monaten, welche ein Drehen des Matches ohnehin unmöglich mache. Nölen vor dem letzten Durchgang lautstark herum, dass sie nach dem langen Eingangsdoppel und den anstrengenden bisherigen Sätzen doch schon sehr geschlaucht seien. Gestern noch in der ersten Mannschaft aushelfen mussten. Die ganze Woche über unglaublichen Stress im Büro hatten. Und ohnehin blendet das Licht heute die ganze Zeit so unangenehm.

Irgendwie ist er wirklich die Königsdisziplin, dieser fünfte Satz. Spreu und Weizen eben. Männer und Mädchen. Fighter und Luschen. „Mentalbarometer“ wird das auf myTischtennis.de genannt. Und tiefenpsychologisch gesehen? Na ja, ein bisschen Mut sollte man sich in entscheidenden Situationen – sei es in der Verlängerung bei 10:10 oder eben im Entscheidungssatz – schon bewahren, allein mit Ballhalten gewinnt man nur die wenigsten großen Spiel. Nur der Übermut, der ist noch fataler als das Hasenfußartige. Ach, wie man’s macht, macht man’s verkehrt, das alte Leid im Tischtennis. Und am Ende: doch wieder Glücksspiel, fifty-fifty quasi. Könnten aber auch nur 50% sein.