Die Phasen einer Tischtennis-Karriere – Der Knirps

von Philipp Hell

Embed from Getty Images

Jede gute Kreisliga-Karriere beginnt als Knirps!

Erstveröffentlichung am 26.8.2019 auf mytischtennis.de

Nach einigen ersten erfolgsversprechenden Rundlaufeinheiten in Nachbars Garten besucht ein Knirps – nennen wir ihn Toni – kurze Zeit später erstmals das Training der örtlichen Tischtennis-Abteilung. Einer der anwesenden Väter – selbst ehemaliges Vereinsmitglied – hatte ihn überredet, da Toni im Gegensatz zu allen anderen anwesenden Kindern („Laaaangweilig!“) sichtlich viel Spaß an der Sache hatte. Mama hat noch schnell die Trainingszeiten gegoogelt, konnte aber außer einiger verwackelter Schnappschüsse aus den Neunzigern (sicher an Hand der Sportmode zu datieren) keinerlei weitere Informationen auf der Homepage des Hauptvereins finden.

Nägel mit Köpfen gemacht

Zu Tonis großer Irritation wird im Verein zwar nicht mehr Rundlauf gespielt, aber auch im traditionellen Eins-gegen-Eins kommt er für sein Alter von sechs Jahren – und insbesondere für seine geringe Größe – äußerst gut zurecht. Und Mama sitzt ja auch eineinhalb Stunden hinten in der Halle auf der unbequemen Turnhallenbank, passt auf alles auf und knipst den Speicher ihres Handys voll. Mit dem greisen und natürlich etwas hüftsteifen Trainingshelfer gelingen ihm bereits nach kurzer Zeit die ersten längeren Ballwechsel und nach einigen anständigen Trainingseinheiten muss er bei eigenem Aufschlag (oder „Angabe“, wie Toni immer noch sagt) den Ball auch nicht mehr mit der Hand einwerfen. Umgehend überredet ihn der Trainer, nun auch offiziell dem Verein beizutreten und meldet ihn sofort sicherheitshalber für die Mannschaftsspiele an – man weiß ja schließlich nie, wann einer der ohnehin wenig zuverlässigen heutigen Stammspieler urplötzlich die Lust am Tischtennis verliert und daher von heute auf morgen dringend ein Ersatzspieler benötigt wird!

Eigentlich will der kleine Toni ja nur etwas Spaß mit dem Ball haben und baldmöglichst „das Schmettern“ lernen – der Maxi von nebenan kann das nämlich schon längst! Anscheinend gibt es beim Tischtennis auch noch zahllose andere Fachbegriffe und Schläge, doch am meisten hat es Toni eben „das Schmettern“ angetan, denn das ist ziemlich cool. Damit wäre er auf dem Pausenhof sicherlich der Held! Und da im Fußballverein gerade Aufnahmestopp herrscht und seine Eltern ohnehin wenig Lust verspüren, jeden Samstagvormittag mit all den anderen Irren brüllend auf dem heimischen Sportplatz zu verbringen, hat Toni sein Glück nun eben beim Tischtennis gefunden. Da hat der Bub wenigstens ein Dach über dem Kopf und muss nicht frieren, die Punktspiele sind Freitagnachmittag und der Trainer ist auch kein Choleriker mit Bundesliga-Ambitionen.

Rückhand Marke „Freeystyle“

Natürlich sind Toni zunächst viele Details – wie der Mechanismus beim sogenannten Königsspiel, das weitere Vorgehen beim Spielstand von 10:10, die genaue Seitenwechsel-Regel beim Doppel sowie das Spielsystem beim Punktspiel – noch komplett schleierhaft, doch das wird sich schon finden. So macht der Kleine unbeschwert von Bilanzen, TTR-Punkten, Tabellenständen, Erzfeinden, Auf- und Abstiegen sowie ähnlichen Übeln des Kreisligasports fröhlich spielerische Fortschritte: mit seiner Mischung aus lehrbuchmäßigem Vorhandschlag und einem eher unkonventionellen Rückhandslice der Marke „Freestyle“ ist er bereits nach kurzer Zeit ein mehr als ernstzunehmender Gegner für die ebenso talentfreien wie bewegungsfaulen Jugendlichen. Urplötzlich will aus unerfindlichen Gründen keiner von denen mehr gegen ihn spielen.

Mit seinem engagierten Trainer besucht Toni die ersten Mini-Turniere in der Umgebung und kann dort beachtliche Erfolge erringen. Obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – er mit dem Schläger immer noch nicht ganz das Netz erreichen kann und daher von den größeren Jungs gerne mal unterschätzt wird. Auch der regionale Tischtennisstützpunkt-Koordinator hat beim Zusammenstellen seiner Kaderliste bereits vorsichtig bei Tonis Trainer (und Tonis Mama) angeklopft, was es mit diesem Knirps denn genau auf sich habe. 

Welches Trikot?

Hat da etwa ein Riesentalent den Weg in die muffige Turnhalle des TSV gefunden? Ein kommender Timo Boll gar? Könnte der Trainer sich mit einem frühzeitigen Beratervertrag etwa ein Millionenvermögen schaffen, würde es sich nur um die Sportart Fußball und nicht um die Sportart Tischtennis handeln? Gibt es womöglich einen familiären Tischtennis-Hintergrund, der Tonis Talent und Affinität zum kleinen weißen Ball erklären würde? Und wie wird sich das Ganze in den nächsten Jahren nur weiter entwickeln?

Vermutlich werden es wir nie erfahren, denn wenn irgendwann in zwei oder drei Jahren der Aufnahmestopp in der Fußballabteilung beendet ist, wird der kleine Toni kaum mehr am grünen Tisch zu halten sein. Denn der ein bisschen coole Maxi spielt zwar immer noch Tischtennis, doch der super coole Lars spielt eben Stürmer und trägt das Trikot eines gewissen „Messi“. Und das ist schließlich alles, was zählt, wenn man auf dem Pausenhof der Held sein will. Wer hat schon einmal ein Trikot mit der Beflockung „Boll“ gesehen? Der Toni jedenfalls noch nie. Und „Ovtcharov“ kann er gar nicht erst aussprechen.