Der beste Schlag

von Der Zeigefinger

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Der Aufschlag? Nur Einwürfe. Rückhand-Konter? Ganz mau. Unterschnitt? Ungefährlich. Die Taktik? Grauenvoll. Aber da ist ja noch der beste Schlag …

Die ewige Debatte ob man vermehrt seine Stärken weiter trainieren oder doch eher endlich an seinen Schwächen arbeiten sollte ist eine sehr alte. Nicht, dass wir an dieser Stelle irgendwelche Antworten wüssten. Interessant ist es aber schon, dass die meisten Spieler – solange sie nicht absolute Allrounder sind – einen klaren besten Schlag besitzen.

♦ Vorhand-Topspin überall ♦

Bei allen Jugendlichen die in ihrem Verein halbwegs anständig trainiert werden ist das heutzutage selbstverständlich der Vorhand-Topspin. Was gerne zu etwas Kritik älterer Recken führt, dass die meisten Jugendlichen spielerisch austauschbar seien. Da mag zwar etwas dran sein, doch wenn der Vorhand-Topspin abwechselnd links und rechts einschlägt ist alle Kritik bezüglich spielerischer Individualität Schall und Rauch.

Die alten Recken – sofern noch ohne Noppen und Anti unterwegs – haben hingegen über die Jahre einen Schlag perfektioniert den kreisweit niemand auch nur im Entferntesten nachahmen kann: Irgend so ein komischer offensiver Über-Unterschnittball mit unangenehmen Seitspin bei dem die Jugendlichen dann wiederum nur eine Möglichkeit sehen: Vorhand-Topspin. Der geht in schöner Regelmäßigkeit abwechseln ins Aus oder ins Netz.

Ist der offensive Schupfball (schön von oben nach unten ausgeführt) der beste Schlag so können diese Spieler auf ganz unangenehme Art und Weise Druck auf ihre Gegner ausüben. Unangenehm besonders deshalb weil der geneigte Zuschauer am Plattenrand gar nicht merkt wie gemein dieser offensive Schupfball eigentlich war: Wieviel Schnitt drin war. Wie flach er wegsprang. Wie unangekündigt er kam. Und überhaupt.

♦ „Der kann ja nur Auschläge!“ ♦

Aufschlag-Spezialisten wiederum haben den klaren Vorteil, dass sie ihren besten Schlag in 50% aller Ballwechsel einsetzen können. Sie müssen nämlich nicht geduldig darauf warten bis der Ball endlich „richtig steht“, einen Vorbereitungsball spielen oder die beinahe tote Rückhand umlaufen. Nein, der Aufschlag-Spezialist kann aus dem ruhenden Ball das Beste machen. Früher gerne verdeckt – heute offiziell nicht mehr. Verzweifelte Gegner die sich spielerisch klar besser wähnen („Der kann ja nur Aufschläge!“; siehe auch unsere Sammlung gängiger Tischtennis-Begriffe, vierter Eintrag) ärgert dies besonders, gibt es dem Spezialisten doch einen klaren Vorteil. Angeblich durch die Einführung der kurzen 11er-Sätze entschärft, so nimmt man doch auch heute noch als Spezialist gerne drei direkte Aufschlag-Punkte sowie fünf schön hoch aufgestellte Returns pro Satz gerne mit.

Eine ganz seltene Spezies ist der Returner. Für ihn ist jeder gegnerische Aufschlag ein gefundenes Fressen, kann er doch per Flip, direktem Angriffsball oder gleich per Schuss schnelle Punkte erzielen. Egal wie kurz der Aufschlag war. Oder mit wieviel Spin. Oder wohin. Der Returner ist immer schon da, gerade auch mental. Schöne Spiele sind das meistens übrigens nicht wenn der Returner auf den Aufschlag-Spezialisten trifft: Immer nur Aufschlag und Return und dann wieder Ball aufheben ist auf eben Dauer langweilig fürs Publikum.

♦ Physikalische Unmöglichkeiten ♦

Der Schütze wiederum lebt – klar – von seinem Schuss. Den kann er aus jeder noch so aussichtlosen Lage abgeben, gerne auch eingesprungen oder mit anschließender Drehung. Physikalisch unmöglich und doch links eingeschlagen, das ist der Lieblingsball vom Schützen – noch so eine Methode den Gegner an den Rand des Wahnsinns zu befördern.

Für Materialspieler sieht das natürlich alles ganz anders aus: ihr bester Schlag ist normalerweise die hässlich hingehaltene Rückhand, gesteigert auch noch richtig schön gehackt. Sieht unspektakulär aus, und gerade das ist das Fatale. Insbesondere für den unerfahrenen jugendlichen Topspin-Spieler. Da hält er seinen Löffel hin und der Ball macht Dinge die zumindest er selber für physikalisch unmöglich hielt. Nicht so der Materialspieler, versteht sich. Nicht, dass er jetzt immer unbedingt genau wüsste was da mit seinen Bällen passiert. Aber gesehen hat er es eben schon hundertmal wie sich ein vollmotivierter und aktionistischer Offensivspieler drüben – vergebens – abrackert.

Alles schön und gut, doch am besten wären doch zwei beste Schläge, hm? Oder gar drei? Tja, dazu müsste man eben mal trainieren. Regelmäßig. Und strukturiert. Und langfristig orientiert. Und wenn man sich dann einen zweiten – zumindest ziemlich – guten Schlag antrainiert hat gilt es diesen eben noch im Spiel einzusetzen und nicht nur im Training gegen die Blinden von der siebten Mannschaft bei einer 8:1 Führung. Und daran hapert es dann eben doch. Alles mental halt – und Psychologie. Schließlich hat beinahe jeder Spieler einen Schlag den er im Training bombig beherrscht.