Lauf und Anti-Lauf

von Philipp Hell

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Wer schon einmal einem Kreisklassen-Tischtennisspiel beigewohnt hat, der weiß, dass hier nur äußerst selten die Fitness entscheidend ist: Der Anblick all der Bierbäuchigen mit Krampfadern, all der gichtigen Senioren und all der anderen bewegungsmäßig auf den Radius eines Bierdeckels eingeschränkten Amateure muss jedem noch so ahnungslosen Beobachter klarmachen: Psyche statt Physis lautet hier die Devise.

In diesem Zusammenhang muss die Rede zwangsläufig auf die – allerdings auch in anderen Sportarten auftretenden – zwei großen Unverstandenen des Tischtennis-Sportes kommen: Der Lauf – und der Anti-Lauf.

Der Lauf ist eine Art rauschhafter Zustand den jeder Spieler herbeisehnt. Denn er ist unabhängig vom spielerischen Können. Er ist unabhängig von der sportlich-technischen Entwicklung. Er ist unabhängig von den Mitspielern. Und, das vielleicht Faszinierendste: Er ist unabhängig vom Gegner.

♦ Plötzlich ist er da, der Lauf ♦

Der Lauf kommt plötzlich. Er kündigt sich nicht an, nein, eines Tages ist er einfach da. Man gewinnt vier Ligaspiele in Folge, davon drei im Entscheidungssatz. Dann gewinnt man auch noch gegen seinen Angstgegner gegen den man zuletzt einen Satz gewinnen konnte als man das anschließende Frust-Bier noch in D-Mark bezahlen konnte. Anschließend putzt man das größte aufstrebende Talent im ganzen Kreis locker in drei Sätzen von der Platte bevor man dann auch noch einen „Unschlagbaren“ knackt, mit 23:21 im Fünften.

Selbst eine knappe Niederlage gegen einen überlegenen Gegner beendet den Lauf nicht zwangsläufig, schließlich hat man aus dieser Niederlage viel mitnehmen können. Egal was man macht, es kommt einfach jeder Angriffsschlag, jeder Block und zu guter Letzt holt man auch noch einen Punkt per „Diver“ auf den Hallenboden. Wenn gar nichts mehr hilft kommt eben ein Kantenball. Und dann ein ganz übler Netzroller gleich hinterher.

♦ Immer weitermachen! ♦

So läuft es dann noch ein paar Wochen weiter, warum das so ist weiß niemand. Außer, dass das Selbstvertrauen da ist, der Kopf oben ist, man selbst bei 2:7 noch an seine Chance glaubt. Außerdem hilft es natürlich enorm, dass in der heutigen Internetzeit die Hälfte der kommenden Gegner diesen unfassbaren Lauf bereits aus der Ferne beobachtet hat und sich daher vorher bereits – hoffentlich nur virtuell – in die Hose macht.

Warum es dann wieder aufhört weiß allerdings auch niemand. Eines Tages gibt man eine sicher geglaubte Zweisatzführung völlig unnötigerweie aus der Hand. Nur weil man endlich einmal diesen neuen Rückhandschlag unter Wettkampfbedingungen testen wollte. Der Test scheitert, der Lauf ist beendet, die gewonnenen 120 TTR-Punkte verschwinden innerhalb weniger Wochen wieder wie von Geisterhand, der Traum von der ersten Mannschaft ist ausgeträumt.

♦ Historische Pleiten wegen technischem Totalversagen ♦

Der Anti-Lauf kommt nicht ganz so plötzlich sondern eher etwas schleichend. Ein paar unglücklich verlorene Spiele, öfters gut mithalten gegen die favorisierten Gegner, ein paar mal körperlich nicht ganz auf der Höhe gewesen. Dann kommt der vermeintliche Aufbaugegner, der sich aber weigert ein Aufbaugegner zu sein. Stattdessen hat dieser plötzlich einen gemeingefährlichen Topspin und man selber schnell eine Niederlage mehr auf dem Zettel. Und genau auf diesem Zettel finden sich dann acht Pleiten aus den letzten neun Spielen. Der gefürchtete Anti-Lauf ist da. Und will nicht mehr weg.

Es folgen weitere historische Pleiten gegen komplette Blinde. Einmal macht man ganze sieben Punkte – im gesamten Match. Kein Topspin will kommen, einfachste Schupfbälle fliegen reihenweise ins Netz. Hängende Schultern schon vor dem ersten Ballwechsel, der beste eigene Schlag fliegt regelmäßig links an der Platte vorbei.

♦ Wenn es eng wird? Angabenfehler! ♦

Und hat man doch mal einen Satzball wehrt diesen der Gegner souverän per Netzroller ab. Es ist zum Verzweifeln. Den einzigen fünften Satz in dieser Zeit eröffnet man mit zwei Angabenfehlern und verliert diesen dann mit 2:11. Es ist wie eine Seuche die an Geist und Körper zehrt.

Irgendwann, nach Wochen oder Monaten des Haderns, nach der dreimaligen Ankündigung diesen Scheißsport ein für alle Mal aufzugeben, nach dreiwöchiger kompletter Abstinenz sowie nach einem anschließenden einwöchigem Tischtennis-Trainingslager auf Lanzarote, nach weiteren Pleiten und unfassbar vergebenen „Elfmetern“, ja irgendwann ist es dann einfach wieder vorbei. Guter Gegner, nichts erwartet, trotzdem locker-lässig 3:0 gewonnen. Und anschließend läuft es dann einfach wieder wie immer. Mit Siegen und Niederlagen, immer schön abwechselnd. Zur Rückrunde darf man dann zurück in die dritte Mannschaft.

Und man fragt sich: War eigentlich irgendwas?