Firmenrunde

von Philipp Hell

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Wer abseits der Jagd nach TTR-Punkten unter Wettkampfbedingungen trainieren will, der tritt oft in der Firmen- und/oder Behördenrunde an. Doch im Vergleich zur modernen Verbandsrunde gibt es da doch einige Unterschiede.

Betriebssportgruppe, oder kurz BSG: Das klingt schon etwas nach dem Mief der 50er oder 60er Jahre. Und etwa seit dieser Zeit existieren in größeren Städten Firmen- und/oder Behördenrunden im Tischtennis parallel zur üblichen Verbandsrunde. Gute Sache, gerade für die üblichen Gschaftlhuber, für die es somit zahlreiche Posten, Pöstchen und Positionen zu besetzen gibt, etwa als Vorsitzender, Beisitzender, Finanzvorstand, Finanzbeistand, Kassier, Kassenprüfer, Schriftführer oder einfach nur als Stimmvieh, welches sich bei der monatlichen Sitzung am Buffet noch etwas für später einpacken lassen kann.

♦ Schlaraffenland für Materialspieler ♦

Na schön, vielleicht ein etwas zu harter Einstieg in die Thematik. Denn eigentlich ist es doch eine super Sache, unabhängig von der Jagd nach TTR-Punkten an einem alternativen Punktspielbetrieb teilzunehmen. Meist sind die Gegner nicht ganz so verbissen und meist kommt man auch häufiger zum Spielen als in den viel diskutierten 6er-Mannschaften der üblichen Bezirks- und Kreisligen. Dafür ist allerdings mit einer deutlich erhöhten Material-Dichte zu rechnen, spielen doch übermäßig viele Rentner in der Firmenrunde mit, die sicherlich schon viele Jahre keine Firma mehr von innen gesehen haben. Und anscheinend fand sich in den frühen 60er des letzten Jahrhunderts einfach kein Schläger ohne Noppen und/oder Anti in den Fachgeschäften der Republik.

Musste man früher noch für eine Firma oder Behörde arbeiten, um ihre Farben an der Tischtennis-Platte vertreten zu dürfen, so wurde diese doch sehr strikte Regelung im Laufe der Zeit mehr und mehr aufgeweicht. Heute bringt man eben seine interessierten Buddies aus dem Verein mit wenn man einen Aufstieg anpeilt. So kommt es, dass wenn man sich beim Smalltalk nach den neuesten Quartalszahlen des Autoherstellers gegen den man heute spielt erkundigt, einen nur leere Blicke treffen mit dem Hinweis: Ne, von uns arbeitet keiner für die, ich bin Polizist und er ist Lehrer.

Wie dem auch sei, in der Firmenrunde kommt man ganz schön herum in seiner Stadt. Bei Spielen gegen die Stadtwerke, bisher unbekannte Ministerien und obskure Ämter, längst zu Grunde gegangene Firmen, ausländische Studenten, inländische Banker, die Wärter des örtlichen Gefängnisses oder ein Start-Up, das erst seit drei Wochen existiert, trifft man die volle Bandbreite an möglichen Spielstätten an. Und da ist man als Kreisliga-Spieler normalerweise ohnehin schon einiges gewöhnt, wenn man Woche für Woche die nahen Grund-, Haupt- oder Realschulen und ihre abgeranzten Turnhallen besucht.

♦ Das Highlight bildet der Bayerische Rundfunk ♦

Doch in der Firmenrunde hat das nochmal eine ganz andere Qualität: Da gibt es das vollständig mit Rasen- und Tennisplätzen sowie Schwimmbad ausgestattete riesige Sportareal einer seit Jahren kriselnden Bank ebenso wie den mit Linol-Platten ausgelegten Keller einer ehemaligen Bundeswehr-Kaserne. Außerdem sehr beliebt sind ganz normale Büros, in denen mit Mühe und Not eine Tischtennisplatte, drei Stühle und mehrere Sportler Platz finden  – allerdings nicht alle. Ebenfalls erwähnt sei eine Behörde, in der man gar auf dem Gang spielt: Springt der Ball einmal über die aufgestellte Bande, so kann man ihn sich später im Keller des angrenzenden Treppenhauses wieder holen.

Nicht zu vergessen: Der Gymnastikraum der JVA, welcher nur ohne Handy und Autoschlüssel und auch nur nach zahllosen auf- und wieder zugesperrten Türen erreicht werden kann und in den man immer vom alten Wärter-Witz begeleitet wird, dass man hier nur wieder herauskomme, wenn man die Punkte da lasse, höhö! Das absolute Highlight jedoch stellt mit Sicherheit der Instrumentenkeller des Bayerischern Rundfunks in München dar: Wer hier mal nach einer spektakulären Rettungstat im Entscheidungssatz die Bekanntschaft mit einer Harfe gemacht hat, weiß, wovon wir sprechen.

♦ Tanz und Tombola auf der Abschlussfeier ♦

Nach dem Ende des Spiels gilt es zu berücksichtigen: Duschen sind natürlich ein Luxusgut, welches nicht in allen Sporteinreichtungen der Firmenrunde vorhanden ist. Und das Spielergebnis trägt man nicht in ein ominöses Internet-Portal ein, nein, nein! Der Spielbericht wird natürlich wie in den guten alten Zeiten an den Spielgruppenleiter geschickt. Immerhin ist dies heutzutage auch per Email möglich, ein echter Fortschritt. Und ein Mal in der Woche werden dann tatsächlich die Tabellen und Statistiken im Internet aktualisiert – zumindest wenn der Spielgruppenleiter nicht gerade mal wieder die kalte Jahreszeit auf Mallorca verbringt.

Nach Ende der Saison steht als Highlight des Jahres (für die Funktionäre zumindest) noch die berühmt-berüchtigte Abschlussfeier an. Großartig ist schon die alljährliche Einladung hierzu, die – wie alle offizielle Schreiben der Vorstandschaft – mit drei Schriftarten, vier Farben, fünf Schriftgrößen und zahllosen Fett– und Kursiv-Markern versehen ist, damit auch wirklich jede noch so unwichtige Kleinigkeit („Was ist bei Anreise mit dem Kraftrad zu beachten?“) extra hervorgehoben werden kann. Auf der Feier selber, die laut Ankündigung „Tanz und Tombola“ verspricht, wird dann so gut wie jedem Anwesenden einer der zahllosen Pokale, Urkunden und Zinnkrüge verliehen, und sei es nur für den sechsten Platz unter acht Mannschaften oder 16,5-jährige Mitgliedschaft – auch wenn in dieser Zeit kein einziges Tischtennisspiel gewonnen werden konnte. Ein großartiger Abend!