Die Phasen einer Tischtennis-Karriere – Der ehrgeizige Endzwanziger

von Philipp Hell

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Wenn die intensive und anstrengende Lebensphase von Ausbildung und Studium zu Ende ist und sich der Kreisliga-Tischtennisspieler nach einigen stressigen ersten Jahren kurz vor dem 30. Geburtstag endlich gemütlich in seinem Berufsleben eingerichtet hat, kann er auch wieder mehr Zeit in sein eigentlich liebstes Hobby investieren.

Erstveröffentlichung am 09.03.2020 auf mytischtennis.de.

Nein, nicht Netflix – Kreisliga-Tischtennis natürlich.

So geht es auch dem 28-jährigen Stefan, der nach einigen Jahren mit Anfang Zwanzig – mit zunächst wenigen und dann irgendwann gar keinen Punktspieleinsätzen mehr – zuletzt wieder richtig angegriffen hat: Eines Tages ist er nämlich an der Supermarktkasse seinem alten Weggefährten aus Jugendtagen begegnet, der immer noch aktiv in seinem Verein ist und ihn umgehend zu einer Trainingseinheit eingeladen und zu einem Duell herausgefordert hat. So hat Stefan das Tischtennis-Fieber wieder gepackt und er hat sich spontan erstmal einen neuen Schläger gekauft, denn mit dem alten war wirklich nichts mehr zu gewinnen. Toll, dass dies heutzutage einfach so im Internet mit ein paar kurzen Klicks erledigt ist und man nicht stundenlang in vergilbten Katalogen blättern oder der Material-Koryphäe des Vereins wochenlang auf den Zeiger gehen muss, wann dieser endlich wieder eine telefonische Sammelbestellung für alle interessierten Abteilungsmitglieder auf den Weg bringt. Auf Grund des – von ihm gänzlich unbemerkt – eingeführten TTR-Wertes und seinem generellen sportlichen Ehrgeiz reist Stefan nun seit einigen Monaten von Race-Turnier zu Race-Turnier durch seinen Tischtennis-Bezirk (und sogar darüber hinaus) und kann im Internet tagtäglich seine dementsprechenden Leistungssteigerungen quantitativ verfolgen – tolle Sache!

Keine familiären Verpflichtungen

Da er privat noch ohne jegliche familiäre Verpflichtungen ist und seine derzeitige LAP (Lebensabschnittspartnerin) am Wochenende oft im Schichtdienst arbeiten muss, hat Stefan in seiner Freizeit sehr viele Möglichkeiten, zu jedem noch so obskuren und weit entfernten Turnier zu fahren (z.B. zu der „ABC Supermarkt Challenge Cup 2000 powered by XYZ GmbH“ beim ca. 400 km entfernten SV Hinterdupfingen, gespielt nach Mitternacht, mit grünen Schlägern und über sieben Gewinnsätze). Und dank seines sehr ordentlich bezahlten Jobs hat er auch genug Kohle, um an tagelangen Trainingslehrgängen im fernen und nahen Ausland teilzunehmen, kostenpflichtige Online-Videos anzusehen sowie Unsummen in neues Schlägermaterial oder völlig überteuerte Sportbekleidung zu investieren.

So hat Stefan innerhalb von kürzester Zeit wieder sein ehemaliges spielerisches Niveau erreicht, wenn nicht gar übertroffen. In der Hinrunde – direkt nach seinem ersten Trainingsbesuch – wurde er noch pauschal in der fünften Mannschaft als Ersatzspieler gemeldet und schließlich bis hinauf zur ersten Mannschaft wirklich überall – und auch durchaus erfolgreich – eingesetzt. Nach der Winterpause war es dann nominell bereits die dritte Mannschaft und zur neuen Spielzeit wird es schon die zweite Mannschaft sein – Tendenz weiterhin steigend. Hätte Stefan nicht jahrelang pausiert, was für eine Kreisliga-Tischtennisgranate wäre nur aus ihm geworden!? Vielleicht sogar eine Bezirksligagranate?

Sehr engagiert

Seine Mitspieler freuen sich derweil nicht nur darüber, eine klare sportliche Verstärkung sowie einen gemütlichen, verlässlichen und jovialen Kneipengänger zurückbekommen zu haben: Stefan hat sogar umgehend dienstags das Jugendtraining übernommen, als der bisherige Trainer kurzfristig ausfiel (Hüft-OP, klassisches Kreisliga-Leiden), den überdurchschnittlich talentierten Knirps zu den überregionalen Schülermeisterschaften begleitet, die Weihnachtsfeier mitorganisiert und selbst Glühwein angerührt, war eine große Hilfe beim Frühjahrsputz in der Halle, dem Sortieren des Geräteraums sowie beim Aufbauen der neuer Tische und hat auf dem Sommerfest stundenlang am Grill gestanden und Bratwürste für die Kids gewendet. Zudem ist er sich auch nicht zu schade, als Funktionär große Verantwortung zu übernehmen: Auf der Jahreshauptversammlung wurde Stefan erst kürzlich einstimmig (bei einer Enthaltung) zum Vize-Turnierwart gewählt!

Aber: Wie lange noch!?

Ja, Stefan ist nun wieder einer der wenigen Vereinsmitglieder, die den Laden wirklich am Laufen halten. Und so ist Abteilungsleiter Franz schon angst und bange vor dem Moment, in dem Stefan seine Tanja eines Tages heiraten und dann sicherlich auch bald schwängern wird. Erfahrungsgemäß geraten dann nämlich wieder andere Dinge im Leben in den Vordergrund als das hitzige Funktionärs-Derby der benachbarten Tischtennis-Kreisauswahlen, die Mini-Bezirksmeisterschaft, die Abteilungs-Jahreshauptversammlung, die aktuelle Bestellung von Trainingsbällen oder eben dieser notorische TTR-Wert.

Und bei aller Liebe Stefans zum Kreisliga-Tischtennis: Allzu lange sollte der Antrag vermutlich nicht mehr dauern. Das hat ihm Tanja schon recht deutlich gemacht, als er kürzlich mit einer vor Stolz geschwellten Brust und mit einem riesigen Fresskorb als Titelprämie völlig fertig vom letzten Turnier nach Hause kam und sich eigentlich nur noch faul auf die Couch legen wollte – und das am Valentinstag.


Bisher erschienen:

Der Knirps

Das talentierte Kind

Der pubertierende Jugendliche

Der übermotivierte 17-jährige

Der abwesende Student