Die Phasen einer Tischtennis-Karriere – Der brandgefährliche Routinier

von Philipp Hell

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Zugegeben, Horst ist nicht mehr der Jüngste. Er ist daher nicht mehr so flink auf den Beinen wie vor 30 Jahren, geistig nicht mehr so fit wie vor 20 Jahren und auch nicht mehr so trainingseifrig wie noch vor zehn Jahren. Aber unterschätzen – unterschätzen sollte man ihn wirklich nicht.

Erstveröffentlichung am 27.07.2020 auf mytischtennis.de.

Dass Horst vor einigen Jahren auf Noppen umgestiegen ist, versteht sich von selbst. Überraschend war eher, dass er Zeit seines Lebens eigentlich nie damit gespielt und sich auch immer dagegen verwehrt hatte, dass Senioren ja angeblich nur dank außergewöhnlichen Belägen mit den Jungen mithalten können. Aber dann setzte eben auch beim ehemaligen Nahezu-Leistungssportler (lief seinerzeit die 100m in 11,2 Sekunden und kann sogar seit Ende der 70er einen Einsatz in der Tischtennis-Oberliga vorweisen) der körperliche Verfall ein und was soll man sagen – bei der Wahl, zwölf Kilo abzunehmen, sich künftig vegan zu ernähren und jeden Morgen 120 Sit-ups zu machen oder doch lieber einfach Noppen auf die Rückhand zu kleben, um weiterhin spielerisch konkurrenzfähig zu sein, fiel die Wahl eben recht leicht. Und seit Horst voriges Jahr auch noch begann, während des Spiels den Schläger zu drehen, ist er für manche U30-Spieler nahezu unschlagbar.

Es kommt aber auch auf die Tagesform an, gerade auf die mentale. Denn manchmal hat Horst auch einfach keine Lust dazu, sich in epische 45-minütige Duelle verstricken zu lassen, mit Ballonabwehr und Aufschlag-Finten und dem ganzen Pipapo. Da lässt er es einfach über sich ergehen, dass sein Gegenüber eben einen irre schnellen und Effet-vollen Vorhand-Topspin vorzuweisen hat sowie über einen bärenstarken Rückhandschuss verfügt und ihn daher locker-leicht von der Platte fegen kann. 

Aber wehe, er wird gereizt. Von so einem jungen Schnösel mit Schweißarmband, verdeckten Aufschlägen und minutenlangem Aufwärmprogramm vor dem Spiel beispielsweise, der mit gerümpfter Nase schon beim Betreten der Halle das 80er-Mobiliar sowie die abgespielten Tische mit den durchhängenden Netzen gemustert hat. Oder von so einem arroganten Drecksack, der eigentlich zwei Ligen höher spielen müsste, aber durch Inaktivität irgendwie abgewertet wurde und daher in der Kreisklasse B gelandet ist, Horst bei der Begrüßung nicht in die Augen sieht und einen Händedruck wie ein feuchter Waschlappen hat. Oder von so einem ambitionierten Enddreißiger, der seine halbe Familie zur Anfeuerung mitgebracht hat, die ständig bei Netzrollern und Kantenbällen klatscht. Ja, da kennt Horst nichts, dann wird er brandgefährlich. Spielerisch, aber eben auch psychologisch. 

Dann täuscht er schon mal Herzprobleme vor, wo keine sind. Wischt sich stundenlang seine Brille sauber zwischen zwei Rallyes. Wechselt zwischendrin verbotenerweise seinen Schläger, nur um dann doch wieder mit dem alten Modell weiterzuspielen. Nimmt sich einfach eine zweite Auszeit mit dem Hinweis auf den nicht-existenten §4, Absatz 3 der Senioren-Tischtennis-Spielverordnung aus dem Jahre 1984 (2. Fassung!). Oder fordert noch während des Ballwechsels vehement Zeitspiel, nachdem er drei Topspin-Bälle des Gegners eigentlich souverän abgewehrt hat.

Ja, da möchte man Horst wirklich nicht im vermutlich vorentscheidenden Einzel des wohl vorentscheidenden Topspiels der Liga begegnen oder im Achtelfinale eines ganztägigen Einzel-Turniers, bei dem man sich selbst frühzeitig und völlig zu Recht zum Topfavoriten auserkoren hat. Denn das kann ebenso unschön wie denkwürdig werden und unter Umständen sogar blamabel. Für einen selbst, für Zuschauer und andere Außenstehende, für Schiedsrichter, Mitspieler oder auch für den zufällig erschienenen Hallenhausmeister oder die nebenan trainierenden U13-Volleyballmädchen, die plötzlich als Störfaktoren nicht nur identifiziert, sondern auch angesprochen respektive angebrüllt werden. Mehrfach. 

Bei der anschließenden Analyse in der Vereinskneipe ist Horst dann aber wieder die Ruhe in Person, kann sachlich beschreiben, woran es haperte oder wie er seinen Gegner doch noch niederringen konnte, möchte sich nicht mit billigen Ausreden (Platte zu glatt, Netz zu tief, Licht zu dunkel, Hallenboden zu rutschig) zufriedengeben, entschuldigt sich bei allen Anwesenden intensiv für – eventuelles! – Fehlverhalten und gibt nach Verabschiedung der Gäste im Kreis seiner Mitspieler freimütig zu, dass alles doch nur Show gewesen war. Allgemeines Gegröle, Schulterklopfen, Schnapsrunde, Legendenbildung. 

Doch so ganz sicher ist sich am nächsten Tag niemand mehr, ob Horst nicht doch kurz vor einem Herzinfarkt stand, als ihm bei 9:9 im fünften Satz der Gegner eine viel zu hohe Einladung zum finalen Schlag zuspielte und er beim Abschluss durch den eintretenden Hausmeister (sowie dessen kläffenden Hund) gestört wurde, der jovial in die Runde fragte, ob er denn bald die Halle zuschließen könne. Zunächst schoss Horst den Ball dann nämlich 40cm an der Platte vorbei, wurde kreidebleich im Gesicht und griff sich umgehend ans Herz. Erst nach etwa 15 Minuten war er wieder etwas bei Sinnen und hatte auch schon wieder Farbe im Gesicht. Glücklicherweise waren zu dieser späten Stunde bei seinem anschließenden Tobsuchtsanfall keine Minderjährigen mehr anwesend.


Bisher erschienen:

Der Knirps

Das talentierte Kind

Der pubertierende Jugendliche

Der übermotivierte 17-jährige

Der abwesende Student

Der ehrgeizige Endzwanziger

Der unpässliche Familienpapa

Die zweite (oder dritte) Luft in den Vierzigern

Der gesellige Mittfünfziger