Lexikon der Tischtennis-Spielertypen – Folge #27

von Philipp Hell

Embed from Getty Images

In unserer Lexikon-Serie beleuchten wir die verschiedenen Spielertypen die uns im Amateur-Tischtennis so über den Weg laufen: Woran erkennt man sie, was zeichnet sie aus und warum sind sie so wie sie sind?

Heute in Folge #27: Der Invalide

Angefangen hat alles mit einem eingewachsenen Zehennagel vor etwa 20 Jahren. Dann folgten diverse kleinere Zipperlein, zwei Hüft-OPs, ein Tennisarm, ein Bänderriss, sogar eine Platzwunde (Topspin bis an die Stirn hochgezogen) und natürlich der Klassiker: Rücken. Doch psychisch ist er völlig in Ordnung, klar.

Dass der Invalide beinahe am gesamten Körper bandagiert und nur mit zahllosen Salben eingeschmiert an die Tischtennisplatte tritt, vorher noch sein Riechsalz benutzt und sich ausführlich stretchen muss lässt allerdings bei manchen Gegnern Zweifel daran aufkommen. Andere wiederum wundern sich, dass der Mann überhaupt noch Sport betreiben kann mit diesem maroden Körper. So schwanken die Ansichten zwischen ehrlichem Mitgefühl und Running Gag der Liga, bzw. eher Humpelnder Gag der Liga. Zwischen Unglücksrabe und Hypochonder. Zwischen armen Tropf und Nervensäge.

Allerdings weiß der Invalide durchaus auch Kapital aus seinem Zustand zu schlagen. So greift er sich in kniffligen Situationen gerne einmal ans Herz um eine eigentlich nicht erlaubte zweite Auszeit zu erhalten, lässt sich zwischen den Ballwechseln enorm viel Zeit um sich angeblich zu strecken und zu dehnen („Sonst schaff ich keinen weiteren Satz mehr und komme morgen früh nicht aus dem Bett!“) und verteidigt seine prinzipiell unterhalb des Tisches und daher praktisch unsichtbar und verdeckt begonnenen Aufschläge mit seiner krummen Rückenhaltung: „Nennt man Skoliose. Willst du ein Attest sehen?“

Fakt ist, dass der Invalide spielerisch immer noch gefährlich ist und man sich von dem 50-jährigen Geist im Körper eines 70-jährigen nicht einlullen lassen darf, sonst setzt es ganz schnell eine üble Klatsche. Und dann hat man hoffentlich nicht seinen vorpubertären Sohn als Zuschauer mit dabei gehabt, der einen anschließend bösartig fragt, wie zum Geier man nur gegen diese Mumie verloren habe.

Da spielt er diese Saison: Dritte Mannschaft. Wenn er denn spielt.

Das sind seine Ziele: So viele Einsätze wie es seine angeschlagene Konstitution eben zulässt.

Das typische Zitat: „Der Arzt meinte ja…“

Das untypische Zitat: „Klar bin ich fit!“


Bereits erschienen:

Folge #26 – Der blutige Anfänger

Folge #25 – Der Asiate

Folge #24 – Die Legende

Folge #23 – Das Nervenbündel

Folge #22 – Das ewige Talent

Folge #21 – Der Vereinsclown

Folge #20 – Die Quotenfrau

Folge #19 – Der Neidische

Folge #18 – Der knallharte Optimierer

Folge #17 – Der Psychotrickser

Folge #16 – Der Trainingsweltmeister

Folge #15 – Der Phlegmatiker

Folge #14 – Das Naturtalent

Folge #13 – Der Bescheißer

Folge #12 – Das Multitalent

Folge #11 – Der Schreihals

Folge #10 – Der Edelfan

Folge #9 – Der Abteilungsleiter

Folge #8 – Der ständige Ersatzmann

Folge #7 – Der Materialspezialist

Folge #6 – Die Nummer 1

Folge #5 – Der Coach

Folge #4 – Der manisch Offensive

Folge #3 – Der Gesellige

Folge #2 – Der Resignierte

Folge #1 – Der Routinier