Lexikon der Tischtennis-Spielertypen – Folge #11

von Philipp Hell

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In unserer Lexikon-Serie beleuchten wir die verschiedenen Spielertypen die uns im Amateur-Tischtennis so über den Weg laufen: Woran erkennt man sie, was zeichnet sie aus und warum sind sie so wie sie sind?

Heute in Folge #11: Der Schreihals

Beim Schreihals muss es einfach raus. Es muss einfach. Lautstark. Äußerst lautstark.

Es muss irgendwann in der Jugend angefangen haben und offenkunding hat dem 14-jährigen Schreihals damals kein Trainer Einhalt geboten. Großer Fehler. Denn nun hat er sich über die Jahre so daran gewöhnt, all seine Emotionen hinauszuschreien in die viel zu kleine Halle, dass es jetzt natürlich kein Zurück mehr gibt.

♦ WM-Finale, oder was? ♦

Das geht los bei 3:1 im ersten Satz: Kommt hier der erste Topspin des Matches so wie gewünscht, steigt ein Urschrei (den man auch für den Brunftschrei eines einsamen Gorillas halten könnte) an die Hallendecke. Kommt er nicht, so ist es eben ein markdurchdringender Schrei des Schmerzes, als wäre gerade das WM-Finale unglücklich verloren gegangen.

Über die weiteren Punkte und Sätze hinweg nehmen Emotionen sowie Lautstärke selbstverständlich kontinuierlich und gleichermaßen zu. Manchmal geht es mit dem Schreihals dann völlig durch und er beginnt sich – und ab und zu sogar den Gegner – zu beschimpfen. Wiederum äußerst lautstark und bestimmt.

Anscheinend scheint er auch gar nicht zu merken, wie albern und störend sein Auftreten aus Sicht von allen anderen Beteiligten ist, an diesem Mittwoch Abend um 19:30 Uhr beim bedeutungslosen vorletzten Punktspiel in der 3. Kreisliga West.

♦ Einmal war die Tochter dabei ♦

Doch da kann er einfach nicht aus seiner Haut: Die Wut muss raus. Der Jubel auch. Der Hass auf diesen Sport. Der Hass auf diesen Fehler. Die Freude an dem gerade Geleisteten. Die Erleichterung über den gewonnenen Satz. Die rasende Wut nach einem Netzroller des Gegners. Und nach einem Kantenball erst! Und überhaupt.

Einmal hat der Schreihals seine achtjährige Tochter mit beim Punktspiel – Ehefrau wollte zu „Bauch-Beine-Po“ und die ansonsten kindersittende Nachbarstochter hatte offenkunding ihren Terminkalender schlecht geplant. Alles hilft nichts, die Kleine sitzt mit Malbuch neben den Tischen und beobachtet ihren Papa. Da muss sich der Schreihals natürlich zurückhalten: Nahezu regungslos muss er zusehen, wie ihn ein spielerisch limitierter, aber sich emotional enorm pushender Gegenspieler wahnsinnig proviziert und gleichzeitig an die Wand spielt. Doch der Schreihals bleibt dieses Mal ganz ruhig. Verliert schweigend so hoch wie nie zuvor. Stille Shakehands. Packt seine sieben Sachen, und seine Tochter ein und fährt still nach Hause.

Beim Training tags darauf holt er dann jedoch alles nach. Die Jüngeren unter uns werden sich nicht mehr erinnern. Die Älteren unter uns brauchen seitdem ein Hörgerät.

Da spielt er diese Saison: Da wo es tendenziell um wenig geht.

Das sind seine Ziele: GEWINNEN!

Das typische Zitat: „Whoooooooaaaaaaaa…… Choooo!! Come on!! Weiter so!!!“

Das untypische Zitat: „Ey jungs, sorry, dass ich da vorhin etwas lauter geworden bin.“


Bereits erschienen:

Folge #10 – Der Edelfan

Folge #9 – Der Abteilungsleiter

Folge #8 – Der ständige Ersatzmann

Folge #7 – Der Materialspezialist

Folge #6 – Die Nummer 1

Folge #5 – Der Coach

Folge #4 – Der manisch Offensive

Folge #3 – Der Gesellige

Folge #2 – Der Resignierte

Folge #1 – Der Routinier