Lexikon der Tischtennis-Spielertypen – Folge #13

von Der Zeigefinger

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In unserer Lexikon-Serie beleuchten wir die verschiedenen Spielertypen die uns im Amateur-Tischtennis so über den Weg laufen: Woran erkennt man sie, was zeichnet sie aus und warum sind sie so wie sie sind?

Heute in Folge #13: Der Bescheißer

Moralisch gesehen ist der Bescheißer natürlich selten auf der richtigen Seite im Leben. Aber das ist ihm überwiegend eines: scheißegal! Er will in erster Linie nur auf einer Seite des Lebens stehen: Der Siegerseite. Koste es, was es wolle.

Für den Bescheießer scheint es eine Art Sport zu sein, Netzbälle zu sehen, wo keine waren, Bälle von Kanten weghauchen zu sehen, die zentimeterweit am Tisch vorbeigeflogen sind sowie Störbälle zu erahnen, sobald der Gegner auch nur irgendwie die Oberhand während eines Ballwechsels zu übernehmen droht.

Und schon wird rege Gebrauch gemacht von allen sich bietenden Möglichkeiten, ein Match auf höchstens semi-legale Weise zu gewinnen. Alles zusammen mit einem treuherzigen Augenaufschlag und der oftmaligen Versicherung: „Ich würde es doch sagen, wenn es anders wäre!“ Klar, würdest du. Wenn es jetzt nicht gerade dein eigenes Match wäre. Auf Messer Schneide. Im fünften Satz. Bei 8:9.

♦ Keine Superzeitlupe ♦

Beizukommen ist dem Bescheißer nur schwer: Denn auf frischer Tat ist es äußerst selten gleichzeitig von mehreren Spielern zu ertappen, mangels Videobeweis oder Super-Slowmo im Kreisligatischtennis. Und so steht meist Aussage gegen Aussage und da bleibt der Bescheißer dann immer ganz ruhig. Denn er weiß ja: Im Unrecht ist er sowieso, da hilft nur nach außen cool bleiben und den anderen unflätig herumbrüllen zu lassen.

So lässt er alle noch so guten Argumente (nie und nimmer war der dran!) des Gegners einfach an sich abperlen, ignoriert alle Vorschläge zur Güte (Wiederholung) und blockt alle Eskalationsversuche (Ruf nach neutralem Schiedsrichter) vehement ab. Irgendwann ist nämlich auch der uneinsichtigste Widerpart so frustiert von der nicht stattfindenden Debatte, dass der Bescheißer einmal mehr zu seinem Recht kommt. Beziehungsweise: Vielleicht nicht zu seinem Recht, aber zu seinem Punkt allemal.

♦ Plötzlich baff ♦

Getreu dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“ treibt der Bescheißer diese Spielchen seit Jahren im Bezirk „West-Mitte III“. Da hat noch keine Ermahnung seines Abteilungsleiters geholfen, keine Ansage eines zufällig vor Ort weilenden Oberschiedsrichters, keine Krokodilstränen eines überforderten 17-jährigen und kein Herumkrakeelen des Hells-Angels-Mitglied vom TuS Schwalle. Ein guter Ruf ist nur etwas für Leute, die sich den leisten können. Die spielen dann aber meistens eben auch nicht im ersten Paarkreuz, nicht wahr!?

Nur in einer Situation ist der Bescheißer baff: Wenn er selbst beschissen werden soll. Wenn sich also tatsächlich auf der anderen Seite der Platte ein noch größerer Ignorant einfindet, der sich weigert, die völlig richtigen Aufschläge des Bescheißers zu akzeptieren und ihm daher ständig Punkte abzählt. Völlig grundlos auch noch! Skandalös!! Und wie dreist!!! Dass es heutzutage solche Leute in der Kreisliga gibt, bestärkt den Bescheißer nur wieder in seinem Weltbild: Geschenkt wird einem nichts, sie zu, wo du bleibst – und das mit allen Mitteln. Also dann wieder nächste Woche, weil heute ist der Sack da drüben anscheinend wirklich nicht zu einer billigen Wiederholung des Ballwechsels zu bewegen. Stures Arschloch!

Da spielt er diese Saison: Sehr weit vorne.

Das sind seine Ziele: Gewinnen – koste es was es wolle!

Das typische Zitat: „Der war noch drauf, hab ich klar gesehen.“

Das untypische Zitat: „Okay, dann eben Wiederholung.“


Bereits erschienen:

Folge #12 – Das Multitalent

Folge #11 – Der Schreihals

Folge #10 – Der Edelfan

Folge #9 – Der Abteilungsleiter

Folge #8 – Der ständige Ersatzmann

Folge #7 – Der Materialspezialist

Folge #6 – Die Nummer 1

Folge #5 – Der Coach

Folge #4 – Der manisch Offensive

Folge #3 – Der Gesellige

Folge #2 – Der Resignierte

Folge #1 – Der Routinier