In unserer Lexikon-Serie beleuchten wir die verschiedenen Spielertypen die uns im Amateur-Tischtennis so über den Weg laufen: Woran erkennt man sie, was zeichnet sie aus und warum sind sie so wie sie sind?
Heute in Folge #35: Der Turnierorganisator
Der Turnierorganisator betritt die Turnhalle grundsätzlich nicht ohne seinen dicken blauen Ordner in der Hand, der seit Jahren aus allen Nähten zu platzen scheint. In dem Ordner befinden sich feinsäuberlich sortiert und in Klarsichtfolien abgeheftet die Ergebnisse aller Vereinsmeisterschaften der letzten 50 Jahre. Dazu potentielle Spielpläne, verzwickte Doppel-K.O.-Systeme, ganze Turnier-Planungen und Gruppen-Ansetzungen, Urkunden und diverser anderer Krams mehr.
In seinen Händen liegt nämlich seit Jahren die Verantwortung zur Durchführung und Organisation dieses Turniers, wofür er Vierer- und Fünfergruppen-Systeme bereithält und Gerüchten zufolge sogar an Sechsergruppen denkt. Hinzu kommen gewissenhaft geplante Ansetzungen für den Verlauf der K.O.-Runde inklusive des Ausspielens der Plätze fünf bis acht. Besonders berüchtigt ist jedoch der sogenannte „President’s Cups“ der Gruppenletzten, bei dem traditionell und zum offensichtlichen Missfallen des Turnierorganisators schon bald niemand mehr völlig nüchtern antritt.
Doch der Turnierorganisator hat noch weitere Ambitionen, er will sich nicht auf die Vereinsmeisterschaft beschränken. Immer wieder bastelt er in Excel an neuen Turniersystemen, an Formaten bei denen nicht immer automatisch die Nummer eins des Vereins gewinnt, an speziellen Konstellationen, bei denen alle Spieler des Vereins miteinander interagieren müssen – ob sie wollen oder nicht.
Dass der Turnierorganisator eine entsprechende Qualifizierung vorweisen kann (Doktor der Mathematik oder Physik, mindestens aber ein Diplom in Informatik), versteht sich von selbst und wird von seinen Mitspielern immer mal wieder mit einem Augenzwinkern ins Lächerliche gezogen.
Eigentlich finden natürlich alle, die nicht in der ersten Mannschaft spielt, diese neuen Turnierformen super, bietet es doch auch ihnen mal Chancen auf Urkunden oder einen Treppchen-Besuch. Völlig durchdrungen hat das aktuelle Spielsystem des Eröffnungsturniers jedoch niemand. Zunächst spielt da immer der erste gegen den fünften der Rangliste und der zweite gegen den siebten, aber auf einer Nebenplatte gibt es ein Doppel während sich hinten in der Rangliste, aber nur in jeder zweiten Runde, ein Jugendspieler mit der kompletten vierten Mannschaft duelliert – alles etwas schleierhaft.
Doch die Siegerliste der vergangenen Jahre gibt dem Turnierorganisator Recht: hier gibt es kaum Wiederholungen, Wanderpokale wandern fröhlich durch ausgetreckte Tischtennisspieler-Hände, und dass bei der Vereinsmeisterschaft eben immer Horst gewinnt, dafür kann er nun wirklich nichts.
Seine Kompetenzen hat der Turnierorganisator auch schon über das Tischtennis hinaus weiterentwickelt: So gibt es für Sportliche inzwischen auch jährlich ein Squash- und ein Badminton-Turnier und für alle anderen selbstverständlich auch ein Skat- oder ein Pokerturnier – je nach Generation.
Als Höhepunkt im Jahr gilt jedoch ohnehin der knallharte Triathlon, bestehend aus Darts, Kicker und Billard. Großartige geschlossen Mannschaftsleistung der Fünften letztes Jahr übrigens, die allerdings auch immer in der sogenannte dritten Halbzeit in der Kneipe stärker auftrumpft als vorher an der Platte.
Der Turnierorganisator ist folglich zurecht sichtlich stolz auf sich, gerade da er alles immer noch mit seiner Zettelwirtschaft organisiert – Stichpunkt blauer Ordner. Ein bisschen Angst hat er nur vor dem Leon (Informatik-Leistungskurs!), der zuletzt sein eigenes System für das Saisonabschluss-Turnier vorgeschlagen hat. Mit seinem Laptop sah das alles recht schick aus, noch dazu wurden Tabellen automatisch berechnet und die nächsten Spiele auf einem zweiten Bildschirm angezeigt, während die Teilnehmer ihre Ergebnisse über eine eigens für diesen Zweck programmierte App eingeben konnten.
Kokolores, wenn du mich fragst, aber vielleicht muss der Turnierorganisator den Leon demnächst einfach ein bisschen einbinden, beim Auslosen der Gruppen oder so. Nicht dass der ihm am Ende noch seine Position streitbar macht als der große Theoretiker im Verein.
Und irgendwann, ja irgendwann, da will der Turnierorganisator tatsächlich auch mal eines seiner eigenen Turniere gewinnen.
Da spielt er diese Saison: In der Vorrunden-Gruppe C.
Das sind seine Ziele: Eine saubere Durchführung der Vereinsmeisterschaft in maximal vier Stunden, denn dann schließt der Hausmeister die Halle wieder zu.
Das typische Zitat: „In der Gruppe A spielen…“
Das untypische Zitat: „Keine Ahnung wie es weitergeht, vielleicht die beiden Gruppensieger gegen einander oder so?“
Bereits erschienen:
Folge #33 – Der Turnierspieler
Folge #31 – Der Wiedereinsteiger
Folge #30 – Der Teilzeitspieler
Folge #29 – Der Vereinswechsler
Folge #28 – Der Punktspielversager
Folge #26 – Der blutige Anfänger
Folge #18 – Der knallharte Optimierer
Folge #17 – Der Psychotrickser
Folge #16 – Der Trainingsweltmeister
Folge #9 – Der Abteilungsleiter
Folge #8 – Der ständige Ersatzmann
Folge #7 – Der Materialspezialist